Zweckmässiger aber [als Beispiel gegen Unmöglichkeit dieser Feindesliebe] würde seyn, die Mittel zu entwickeln, durch deren Gebrauch es leicht, sehr leicht wird, so gegen seine Feinde zu handeln. Sie sind – sorgfältige Selbstprüfung und lebhafte Erkenntniss seiner eigenen Schwachheiten, das daraus entstehende Gefühl der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur überhaupt, und besonders die Ueberzeugung, dass das wenigste Böse in der Welt erweislich aus Bosheit, und bei weitem das meiste aus Unverstand geschehe: eine Betrachtung, die vor jetzt die Kürze der Zeit mir verbietet.
Dies sind die allgemeinen Pflichten, die wir gegen unsern Feind, so wie gegen alle Menschen haben. Es giebt aber noch eine besondere gegen den ersteren, die: sie zu bessern und zu unseren Freunden zu machen; welche gleichsam die Probe enthält, ob wir alle unsere übrige Pflichten gegen sie redlich erfüllt haben. Haben wir alles weggeräumt, was dem Feinde Veranlassung geben könnte, uns zu hassen; haben wir ihn stets mit Liebe und Edelmuth behandelt, so kann es nicht fehlen, er wird endlich – sey es so spät, als es wolle – er wird endlich gewiss unser Freund werden. Und welch Vergnügen wird uns dann überströmen!
Johann Gottlieb Fichte: Zwei Predigten aus dem Jahr 1791. Über die Pflichten gegen Feinde. Abhandlung.