Mein Leben

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„Jemehr Jemand seine Person vorbringt, und sie zum Mittelpunkt des All macht, desto dummer, plumper, unedler ist er. Jemehr er vergeht im Gesetze, desto edler.“

Johann Gottlieb Fichte: Ueber das Verhältniß der Logik zur Philosophie oder transscendentale Logik. VII. Vortrag.

„Scaliger pflegte zu sagen: ‚was geht es uns an, ob Montaigne rothen oder weissen Wein getrunken hat!‘“

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Unzeitgemässe Betrachtungen. Erstes Stück: David Strauss der Bekenner und der Schriftsteller. 4.

Es ist eine ekelhafte Unsitte unseres Zeitalters, den Geschmack am Klatsch und Tratsch und an allem Einzelnen, Persönlichen, Privaten bis ins Unermessliche gesteigert zu haben. Nicht nur saugen viele gierig die Nachrichten über jede Kleinigkeit im Leben von anderen Menschen auf, einzig deshalb weil diese mal in einer schlechten Fernsehsendung aufgetreten oder weil sie Nachfahren jener sind, die über Jahrhunderte die Völker Europas unterjochten, und empfinden es nicht als ein Wegwerfen ihrer eigenen Würde, sich von den neuesten Frisuren, den familiären Zwistigkeiten und den Tätowierungen dieser Leute oder davon berichten zu lassen, wie diese ihre Kinder auf die Welt zu bringen oder was sie zu Weihnachten zu essen gedenken. Nein, das Internet erlaubt heute auch jenen, die weder eine Niederlage in einer Castingshow noch einen Stammbaum mit verdächtig wenig Ästen aufzuweisen haben, eine öffentliche Zurschaustellung ihrer selbst, die jedem aufgeklärteren Menschen schon aus rein ästhetischen Gründen ein Gräuel sein muss – und sie finden tatsächlich ein Publikum! Jede pubertierende Göre mit einem Socialmedia-Account, einem Blog, einem YouTube-Kanal darf damit rechnen, dass sich tatsächlich wenigstens ein paar, vielleicht aber auch tausende Menschen finden werden, die wirklich wissen wollen, wie es um ihren Beziehungsstatus steht, welchen Song sie gerade hört und was ihre Meinung ist.

Ein Mensch kann sich, ohne seiner Würde Eintrag zu tun, für die privaten Angelegenheiten eines Menschen nur interessieren, sofern sie ihn selbst unmittelbar betreffen, insofern dieser andere also etwa ein Freund oder Familienmitglied ist. Denn für alles Darüberhinausliegende gilt: Nichts ist so unbedeutend und so ohne jeden Eigenwert wie das Einzelne. Ein einzelner Mensch, sein privates Leben, seine Meinungen und Erlebnisse können bestenfalls insofern von Interesse sein, als sie eben nicht bloß einzeln, als sie vielmehr exemplarisch sind, als an ihnen vielleicht psychologische, ethnologische oder andere Erkenntnisse zu gewinnen sind. Warum schließlich sollte gerade dieser eine Mensch da, dem mein Voyeurismus sich zugewandt hat und der doch, auch wenn er irgendeine zweifelhaft Berühmtheit besitzt, ein banaler Mensch bleibt wie tausend andere und nicht mehr wert oder interessanter ist als jene oder auch als ich selbst, von Interesse sein? Ja, warum sollte ich mich selber derart herabwürdigen und unter ihn erniedrigen, indem ich dem, was an allen Menschen die gleiche Nullität ist, an ihm höheren Wert beimesse als an meiner eigenen Person?

Ich trete an die Öffentlichkeit nicht, um irgendeinem Exhibitionismus zu frönen, sondern um einer Sache wegen, der Sache der Vernunft und des Lebens. Ich möchte, dass man dieser Sache Beachtung schenke. Und ich habe beschlossen, ihr Sprachrohr zu sein, weil es ihr an einem solchen in diesen Tagen mangelt und ich noch niemanden sonst habe aufstehen und diese Aufgabe übernehmen sehen. Aber es soll mir immer nur um das Gesprochene gehen, nicht um den Mund, der es spricht. Diejenigen würden sich der Botschaft gänzlich Unwert erweisen, denen nicht der Inhalt das Bedeutsame ist, sondern die ihr Interesse, es sei auch nur ein Nebeninteresse, dem Boten zuwenden.

Ich werde dennoch häufig von mir selbst sprechen, und der Oberflächliche wird darin einen Widerspruch und Heuchelei erblicken. Doch wann immer ich „Ich“ sage, möchte ich damit nicht mein persönliches und einzelnes Selbst hervorkehren – dieses hat nicht mehr Bedeutung als die mehr als sieben Milliarden anderen Selbste auf dieser Erde und ich würde mich meiner Unbescheidenheit schämen, wenn ich voraussetzte, irgendjemand wolle gerade von dem meinen hören –, sondern von mir bloß insofern sprechen, als das, was ich über mich zu erzählen habe, zur Aufklärung beitragen kann. Wenn ich den Menschen die Unaufgeklärtheit schildern möchte, wenn ich ihnen begreiflich machen möchte, wie ein aufgeklärter Umgang mit dem Leben aussehen kann, so dürfte es vorteilhaft sein, meine Worte entsprechend zu illustrieren, und hierfür wiederum steht mir nun einmal nur meine eigene Erfahrung zu Gebote. Es mag also oft geschehen, dass ich von privaten Erlebnissen, dass ich von Geschehnissen aus meiner Schulzeit, von Erlebnissen mit Freunden, von Vorfällen mit meiner Verwandtschaft berichte. Doch dann immer nur, um hieran etwas aufzuzeigen, nie, um mich selbst auszustellen oder Anderer Schaulust zu befriedigen.

Ich sehe voraus, dass ich dennoch Konzessionen an die herrschende Mentalität werde machen müssen und dass man mir wieder und wieder Fragen zu meiner Person stellen wird, wenn man zugleich die Chance hätte, viel Wichtigeres zu erfragen. Ich habe daher beschlossen, dem Publikum nachfolgend einen knappen Abriss meines Lebens zu geben. Jedoch kann mein Leben nur insoweit von öffentlichem Interesse sein, als es das Leben eines Aufklärers ist, zumal schon länger kein solcher mehr unter den Menschen gelebt hat, dem das Aufklären Kern seines Wirkens war und der zugleich als Aufklärer allgemeine Öffentlichkeit gesucht hat. Diese kleine Biographie wird daher große Lücken aufweisen. Sie wird Manches weglassen, das für mich persönlich von großer Wichtigkeit ist, aber das Publikum, wenigstens jenen Teil desselben, der ein Gefühl für die eigene Würde besitzt, nicht interessiert.

Um es in aller Knappheit und Deutlichkeit zu sagen: Ob und in wen ich je verliebt war, wie viele Freunde ich in der Schule hatte, wie mein Verhältnis zu diesem oder jenem Verwandten ist und ob ich in meiner Freizeit gerne Ostereier bemalt oder Briefmarken gesammelt habe, während ich heranwuchs, das geht niemanden etwas an, mit dem ich nichts zu schaffen habe. Und falls diese und ähnliche Fragen so jemandem dennoch unter den Nägeln brennen, rate ich ihm, einmal in sich zu gehen und von sich selbst eine ernsthafte Antwort zu verlangen, warum er gerade diese Dinge und gerade über mich wissen will, was er überhaupt davon hätte und was dieses Verlangen über ihn aussagt.

Mein Leben, bevor ich an die Öffentlichkeit trat, kann ich anhand äußerer Einschnitte leicht in vier Abschnitte zu je sechs Jahren teilen. Und da eine jede Geschichte, wenn man es genauer bedenkt, schon vor ihrem Anfange beginnt, kann ich als fünftes oder besser erstes die Zeit vor meiner Geburt bzw. die Erzählung von meinen Eltern hinzunehmen:

Meine Eltern:

Meine Mutter war Anna Rebecca Tatjana Birnbaum. Sie wurde in England geboren, wo mein Großvater, ein amerikanischer Soziologe aus einer polnisch-jüdischen Familie, zu jener Zeit lehrte. Ihre Mutter war eine Slawistin aus Deutschland, wo meine Großeltern sich auch kennengelernt hatten. Entsprechend wuchs sie zweisprachig auf, sprach Deutsch und Englisch fließend, aber doch ohne eine echte Muttersprache und ohne Sinn für beider Eigenheiten zu haben. Mein Großvater kehrte später mit seiner Familie in die USA zurück. Nach der Scheidung ihrer Eltern wuchs meine Mutter bei der ihren auf. Meine Großmutter siedelte schließlich mit ihren beiden Töchtern nach Frankreich über, wo sie denn auch bis zu ihrem Tode lebte. Meine Mutter schien zuerst einen ähnlichen Weg zu gehen wie die ihre, sie studierte in Deutschland, jedoch ohne ihr Studium je abzuschließen. Als vierte Sprache lernte sie in jener Zeit Russisch; sie sollte später stolz darauf sein, dass man sie in Russland tatsächlich für eine Einheimische gehalten hatte. Meine Mutter war ihr Leben lang eine Wurzel- und Heimatlose.

Wenngleich sie viele gute Wesensanteile hatte, wollte meine Mutter sich jedoch nie recht aufs Leben einlassen – sie, die sich insgeheim für etwas Besseres hielt, glaubte dies unter ihrer Würde, auch wenn sie das nie so formuliert, sondern scharf von sich gewiesen hätte, und war von jener Trägheit im Umgang mit dem Leben, die den Unaufgeklärten nun einmal eigen ist, erwartete, dass dieses ihr entgegenkomme – und bekam daher auch nie ein Bein auf die Erde: So wie sie ihr Studium nicht hatte abschließen können, behielt sie auch keinen ihrer Jobs – sie arbeitete mal fürs Fernsehen oder verschiedene Zeitungen, verdiente ihr Geld als Dolmetscherin, organisierte einige Indienreisen, da sie ihre Esoterikbegeisterung immer wieder dorthin trieb, oder versuchte sich auch als Astrologin oder geistige Heilerin – für längere Zeit. Mein Vater, mit dem sie für acht Jahre zusammen war und den sie während ihrer Schwangerschaft heiratete, wäre ihre große Chance gewesen, sich aufzuklären und aufs Leben einzulassen. Sie entschied sich gegen dieses göttliche Angebot, es kam zur Scheidung, sie ging in die USA, um sich selbst zu verwirklichen, wie sie sagte, kehrte aber nach einem Jahr zurück und kam mir dabei auch nicht wirklicher vor als zuvor. Eine zweite und letzte Chance zur Aufklärung wurde ihr durch mich zuteil. Leider ergriff sie auch diese nicht. Stattdessen setzten sich die kurzen Anstellungen oder Versuche zur Selbstständigkeit fort, es kam jedoch zu immer längeren Perioden der Arbeitslosigkeit, bis ihr eine Krebserkrankung sie dann völlig arbeitsunfähig machte. Auch verlor sie sich mehr und mehr in nun immer plumperer Esoterik und Verschwörungstheorien, deren Unsinnigkeit ich auch als Kind wohl erkannte, ihr aber freilich nicht deutlich machen konnte. 2011 ist sie, genau an ihrem 53. Geburtstag, verstorben.

 

Reinhard Jürgen Henrik Löwer wurde 1956 in Hamburg geboren, hat nie im Ausland gelebt und spricht auch nur eine Sprache, womit ich ihn dann und wann mal aufziehe, aber hat doch zeit seines Lebens einen ungleich weiteren Horizont gehabt als meine Mutter. Henrik Löwer gebührt die Ehre, der erste der von Nietzsche angekündigten Philosophen der Zukunft zu sein, wenn er auch mit seinem Philosophieren nie vor das größere Publikum getreten ist (ich berede ihn seit Jahren mit wachsendem Erfolg, einmal ein Buch zu schreiben). Als Kind lachte er den Erwachsenen zu viel, man hielt ihn auch zunächst für zu verspielt fürs Gymnasium; er seinerseits hatte früh beschlossen: So wie die würde er nie werden. Was mein Großvater – politisch eher der linken Mitte zuzuordnen und SPD-Wähler, aber seinerzeit, wie sich versteht, trotzdem mit nach Russland marschiert – ihm einmal cholerisch ins Gesicht brüllte: „Auch du wirst dich noch unterordnen müssen!!!“, hat sich bisher noch nicht bewahrheitet. Schon als Kind trennte seine Aufklärung ihn von den Menschen um ihn her: Als etwa sein Großvater starb und auf der Beerdigung Alles weinte und schluchzte, da fragte er, damals sechsjährig, sich, wie die Erwachsenen denn zu diesem Gebaren kamen, wo sie ihm doch gesagt hatten, sie sei nun im Himmel und damit selig. Mit sechs oder sieben Jahren fragte mein Vater, warum die katholische Kirche im (eigentlich protestantischen, aber nach dem Krieg auch mit einigen schlesischen Flüchtlingen besiedelten) Ort keinen Turm habe. Weil das früher eine Synagoge war und die keine Türme hatten, erhielt er zur Antwort und wusste sogleich, dass da etwas faul war. Kurz darauf fiel ihm auf, dass es zwar einen jüdischen Friedhof, aber keine Juden gab. Intellektuell mochte das Kind noch nicht ganz durchschauen, was da geschehen war, aber den Abgrund, der sich auftat, fühlte es wohl, wie mein Vater auch instinktiv wusste, dass er nicht dazugehörte, dass auch er (nicht im rassischen, doch in einem höheren Sinne) Jude war. Als Papa in der Schule in Mathematik zu gute Noten nachhause brachte und seine Eltern schon von einer großen naturwissenschaftlichen Karriere für ihn träumten, beeilte er sich, schlechtere Noten zu schreiben. Im Deutschunterricht dagegen bekam er erst dann einmal eine gute Note, als er in einer Klausur all die Trivialitäten niederschrieb, die ihm immer nicht erwähnenswert erschienen waren, weil sie doch so offensichtlich waren. Früh wusste er, was er im Leben auf keinen Fall tun wollte, nicht aber, was er denn tun wollte. Mit 14 etwa stand für ihn immerhin fest, dass er über den Körper heilen wollte – nicht aber am Körper rummurksen, wie gewöhnliche Gymnastik das tat. In diese Zeit etwa fiel auch eine Beschäftigung mit der Psychoanalyse, wobei er sich bald von Freud zum lebensbejahenderen Reich wandte. Dass er kein Englisch sprach, kam ihm hier zugute, verhinderte es doch die weitere Beschäftigung mit verschiedenen hieran anknüpfenden Körpertherapien und bewahrte ihn vor dem Abweg, zu glauben, was er suchte, müsse er nicht selbst entwickeln, sondern nur irgendwo erlernen. Nach dem Abitur studierte er in Tübingen Germanistik und Philosophologie, dazu Kunstgeschichte, was er aber abbrach, während er es in den beiden anderen Fächern bis zum Magister Artium brachte. Gegen Ende seines ersten Semesters beging mein Großvater Selbstmord; gegen den Rat seines älteren Bruders, der sich sogleich als Ersatzvater aufzuspielen suchte und ihm einschärfen wollte, er müsse an sich und seine Zukunft und das Studium denken, verbrachte er die zwölfwöchigen Semesterferien bei meiner Großmutter, um sich um diese zu kümmern. Papa selbst schockte mit etwa 20 eine Kommilitonin mit der Aussage, ob er bis 27 durchhalte, wisse er nicht, aber wenn er das schaffe, dann auch den Rest. Auf das Studium in Tübingen folgte neben einer Heilpraktikerprüfung eine Ausbildung zum Krankengymnasten in Berlin. Über die Dauer seines Lebens hat sich Papa ein tiefes Verständnis von Bewegen erarbeitet, wie es kaum je ein Mensch besessen haben mag, wobei jahrelanges Aikidotraining, aber vor allem seine Lebensweisheit und seine Selbstachtung ihm eine große Hilfe waren: Letztere war durch seinen Körper gefordert. Er hatte die schlechten nordhessischen Knochen der Familie meiner Großmutter geerbt und schon mit 14 vom Arzt zu hören bekommen, dass er mit 40 schon künstliche Knie brauchen werde. Hätte er es nicht zu einem solchen Grad an Aufklärung gebracht, hätte sich diese Vorhersage auch gewiss bewahrheitet. So aber war er nie Opfer seines Körpers, sondern ging mit diesem so pfleglich um, dass er bis heute gehalten hat, ja ihm ein Arbeiten erlaubt, das er mit 20 Jahren niemals durchgestanden hätte. Er ist „Heiler, auch in der Krankengymnastik, die eine transzendentale KG ist. Ich kläre auf, baue Entfremdung ab und Vertrautheit auf: lehre sehendes Vertrauen, Dialog mit dem Anderen. Heilen ist alles andere als kurieren, was ich Medizinern im engeren und weiteren Sinne überlasse. Heilen ist schrittweise aus der Sünde, dem Sondern durch Dialog zum Vertrauen zu kommen. Philosophisch hat da die höchste Höhe J.G. Fichte, eine Höhe, die der universitäre Philosophiewissenschaftler nicht erreichen kann, denn er müsste seine Selbstentfremdung aufgeben, die er für wissenschaftlich hält.“ (Henrik Löwer: Aus einem Brief an eine Bekannte)

In Berlin traf Papa meine Mutter. Meinen Namen erhielt ich von ihm und er war es auch, bei dem ich nach der Scheidung meiner Eltern aufwuchs. Vom Momente meiner Geburt an (bzw. schon davor) begegnete er mir mit der tiefsten Achtung, er hat mich gehegt, gepflegt und umsorgt, jedoch nie erzogen, so gerne meine Mutter und andere Verwandte auch eine Erziehung gesehen hätten; stets waren wir Gleiche. Dass ich mich nicht wie er selbst erst mühsam und nicht ohne Schmerzen aus tiefster Finsternis herausarbeiten und mich lange orientieren musste, dass ich so früh so aufgeklärt und derart getragen bin, dass ich schon jetzt so in mir ruhe und von Anfang an gerade meinen Lebensweg verfolgen konnte, das und unendlich mehr danke ich ihm. 

Meine frühe Kindheit:

Ich wurde am 3.1.1994 in Berlin geboren. Zuvor hatte ich schon mein besonnenes und aufgeklärtes Wesen bewiesen, indem ich mich ganz langsam aus dem Mutterleib gearbeitet hatte, sodass die um meinen Hals gewickelte Nabelschnur sich nicht festzog; der sehr nervöse Arzt hatte ihretwegen schon einen Kaiserschnitt durchführen wollen.

Aufgewachsen bin ich in Neukölln. Ich habe nie anderswo gelebt und verspüre danach auch kein Bedürfnis. Vielmehr rechne ich es zu den großen Glücksfällen meines Lebens, in diesem bunten Bezirk leben zu dürfen, und habe Neukölln und seinen Menschen viel zu verdanken. Ich verlebte meine ersten Jahre glücklich und heiter, vor allem in Berlin, wo ich so ziemlich jeden Spielplatz besucht haben mag, den es in dieser Stadt gibt, wobei ich mich auch an Besuche bei meiner Großmutter väterlicherseits in der Nähe von Kassel, bei meinem Onkel bei Bremen und bei meiner Patentante und anderen Bekannten Papas in Tübingen erinnere.

Schon als kleines Kind war mir mein Fühlen sehr wichtig und ließ ich mir dieses auch nicht von doofen Erwachsenen ausreden: Ich weigerte mich, irgendwelches Essen zu probieren, von dem ich spürte, dass es nicht schmecken würde, ebenso wehrte ich den Versuch einer Bibliothekarin ab, mir ein verfinsterndes Buch anzudrehen, und urteilte über dieses kategorisch: „böse, böse!“, und als die Kinderärztin mich aufforderte, mich auf ein Bein zu stellen, guckte ich sie nur entgeistert an: warum sollte ich mich derart in Disbalance bringen? Da ich das Glück hatte, nicht bei durchschnittlichen deutschen Eltern aufzuwachsen, sondern bei einem großen Weisen, konnte ich Papas Unterstützung bei all meinen Entscheidungen und Urteilen stets gewiss sein und musste mir mein Fühlen nicht durch dessen wiederholte Missachtung langsam kaputtmachen lassen. In den kälteren Jahreszeiten hatte Papa zwar immer Jacke oder Pullover für mich dabei, zwang mich jedoch nie wie andere Eltern, diese anzuziehen, sondern wartete, bis ich von mir aus darum bat, was oft nicht oder erst spät geschah, da ich mit Kälte dank meines inneren Feuers sehr gut umzugehen wusste. Neben einem kleinen Kind im T-Shirt bei Minusgraden einherzugehen, brachte ihm einige böse Blicke ein, die erst endeten, als ich älter wurde, aber krank wurde ich doch nur, als meine Lehrerinnen mich in eine Jacke zwangen und damit zum Schwitzen brachten, obwohl mir nicht kalt war; von den Lehrern, mit denen Papa diskutierte, war keiner, auch der Naturwissenschaftslehrer nicht, bereit, seine Vorurteile abzulegen und die Wirklichkeit zu befragen, d. h. schlicht einmal zu fühlen, ob ich denn kalte Hände hatte oder nicht. Auch als ich in sehr jungen Jahren beschloss, ich wolle die Haare nicht geschnitten haben, ich wolle nur rote Kleidung oder ich wolle stets zwei verschiedene Socken tragen, da unterstützte Papa mich in alledem, während manch ein Verwandter oder Lehrer es über die Jahre gerne gesehen hätte, er hätte die freie Entfaltung meiner Persönlichkeit bekämpft. Mein Fühlen war mir so wichtig, dass ich mir auch mit dem Laufenlernen etwas Zeit ließ und mir so das mehrmalige Hinfallen ersparte, das für Andere mit diesem verbunden sein mag: Ich lief zunächst länger nur an der Hand, und als ich irgendwann von mir aus sagte, ich brauche sie nicht, da konnte ich auch sicher gehen. Das Sprechen hingegen lernte ich sehr früh: Als ich 1 war und die Kinderärztin mich untersuchte, fragte diese Papa, ob ich schon dreisilbige Wörter spräche; er antwortete ihr, dass ich schon den Konjunktiv benutzte. Später zu Zeiten des Kindergartens fragte der Vater meines damals besten Freundes den meinen einmal, wie er es mit mir eigentlich aushalte, ich sei ja ständig am Plappern. – Übrigens blieb ich noch über Jahre großer Teletubbies-Fan, und auch diese zu schauen, verbot mir Papa nie, wie es überkluge Eltern tun mögen, die Angst um das Sprachvermögen ihrer Kinder haben. Dem meinen scheint es nicht geschadet zu haben.

Als ich gerade 4 war, trennten sich meine Eltern. Meine Mutter blieb noch fast ein Jahr bei uns wohnen und wurde von Papa geduldet, da sie vorerst keine andere Unterkunft hatte, fing aber in dieser Zeit ständig Zank an. Ich mochte nicht verstanden haben, worum es in den einzelnen Auseinandersetzungen ging, war aber stets auf Papas Seite: Ich verlieh meinem Unmut Ausdruck, indem ich in das Zimmer meiner Mutter rannte und ihre Bücher aus dem Regal warf, was jedes Mal den vorläufigen Abbruch des Streites zur Folge hatte, da ich von ihr vor die Tür geworfen wurde und sie diese dann vorerst zusperrte. Die Scheidung und der vorläufige Fortgang meiner Mutter nahmen mich durchaus mit, doch als ich am Tag unmittelbar nach jenem aufwachte, an dem meine Mutter ihren Entschluss zur Trennung bekannt gemacht hatte, da verkündete ich: „Ich will froh und munter sein.“ Dies war seither mein Lebensmotto, und nichts hat es seit jener Zeit geschafft, mich für länger aus meiner Bahn zu werfen.

Mit vier oder fünf hatte ich beschlossen, Dichter werden zu wollen, was mein damals bester Freund für „langweilig“ hielt. Ich ließ mir täglich von Papa vorlesen und wir brachten teils gleich ganze Stapel von Büchern aus der Bibliothek nachhause. Mein Lieblingsbuch in jener Phase und das, welches mich damals wohl am meisten prägte, war der Pumuckl, den Papa mir wieder und wieder vorlesen durfte. Als ich im Kindergarten einmal fröhlich Pumuckl zitierte und trällerte: „Vernunft, Vernunft hat keine Unterkunft in der großen Koboldszunft!“, da war meine Kindergärtnerin alarmiert, denn vernünftig sein, das ist doch wichtig und gerade das hat ein Kind doch zu lernen! Nun, ich bin heute die Stimme der Vernunft, war auch damals schon mehr vom Geiste der Vernunft durchdrungen, als je diese Erzieherin, aber ich bekenne mich noch immer zum Geist jenes schönen Reimes: Vernunft nämlich, wie sie zumeist verstanden wird, wie Pumuckl sie meinte und wie sie auch meine Kindergärtnerin im Sinne hatte, Vernunft, wie ein Kind sie dringend lernen muss, jene Aftervernunft also, die ein Taubstellen gegen das eigene Fühlen und ein Fügen in die Notwendigkeit und das, „was sich gehört“ und was „man“ so macht, bedeutet – diese Vernunft habe ich nicht nur selbst nie gelernt und dank Papa nie lernen müssen, ich möchte sie vom Angesicht der Erde vertilgen: weil ich die Vernunft liebe.

Meine Grundschulzeit:

Mit sechs Jahren wurde ich eingeschult. Ich kam auf die Peter-Petersen-Grundschule, eine Jenaplanschule mit zurecht weit über Berlin und selbst Deutschland reichendem guten Ruf (ich entsinne mich noch des einen oder anderen Males, da ausländische Gäste während des Unterrichts hospitierten). In den Klassen waren die Jahrgänge gemischt: Erst-, Zweit- und Dritt- sowie Viert-, Fünft- und Sechstklässler wurden jeweils zusammen unterrichtet, von einzelnen Fächern wie Mathematik und Englisch abgesehen. Feiern, die meist in der Turnhalle stattfanden und zu denen wir sangen, tanzten, Theaterstücke aufführten und Vieles mehr, spielten eine große Rolle im Schulprogramm, es gab viele Ausflüge, und sei es nur in die beiden direkt neben der Schule gelegenen Parks, dazu waren die Klassen recht klein und wurden stets von zwei Lehrern betreut, sodass kein Schüler zu kurz kam. Ich habe die besten Erinnerungen an meine sechs Jahre dort. Auf der Grundschule scheine ich ein gewisses Faible für Mathelehrerinnen gehabt zu haben (das ich nicht mit aufs Gymnasium hinübernehmen sollte), jedenfalls wurden meine drei ersten Mathelehrerinnen nacheinander zu einigen meiner liebsten Lehrerinnen, besonders die erste von ihnen hatte ich sehr in mein Herz geschlossen. Es war vorgesehen, dass die älteren Schüler ihren jüngeren Klassenkameraden halfen: In meinem Falle löste ich in der ersten Klasse die Matheaufgaben der Größeren.

Ansonsten hielt sich der Kontakt mit den Mitschülern anfänglich noch etwas in Grenzen; die Hofpausen verbrachte ich zunächst im Umkreis der Lehrerinnen, die jeweils Aufsicht hatten. Ich war mit einer großen Naivität für die weitere Welt an die Schule gekommen, die ich mir auch den Kindergarten hindurch irgendwie erhalten hatte, und nun taten sich mir ganz neue und schwer verständliche Welten auf: Als ich dann doch Schulfreunde hatte, und die sich mal bis zum Erbrechen überfraßen, fragte ich Papa ganz perplex: Hören die denn nicht auf ihren Bauch? Bald machte ich mich daran, meine Freunde aufzuklären: Ich erinnere mich noch, wie ich mit zwei engen Kumpels mit meinen Legofiguren (ich besaß Unmengen von Lego, denn Papa hat mir nie irgendein Spielzeug, das ich haben wollte, verwehrt, solange sein Geldbeutel mitspielte) Harry Potter spielte und wir die Figuren unter uns aufteilten; als Besitzer derselben hätte ich mir durchaus Harry sichern können, stattdessen wollte ich aber lieber Hermine sein und überließ Harry und Ron den beiden anderen. Dies in einem Alter, als Mädchen eigentlich etwas Ekliges waren, das man nicht anfassen durfte; aber ich ließ weder das Entsetzen meiner Kumpels gelten noch mir ihre Häme gefallen, sondern erklärte frei heraus, dass Hermine nun mal viel mehr auf dem Kasten habe als Harry oder Ron, dafür, dass sie ein Mädchen sei, könne sie ja indes nichts. Die Aufklärung glückte in diesem Falle: Ich erinnere mich noch genau, wie einer der beiden später selbst dieses Argument gegenüber einem anderen Jungen vertrat. In anderen Fällen hatte ich mit meiner Aufklärung keinen Erfolg: Ich entsinne mich eines Ausflugs in den berliner Dom, der mich und einen Kumpel beim Anblick der prächtigen Särge dort darauf brachte, wie wir uns dereinst beerdigen lassen wollten. Er wolle verbrannt werden, denn er wolle nicht, dass Würmer seinen Körper fressen, erklärte er. Das sei ein dummer Grund, um sich verbrennen zu lassen, versetzte ich, worauf er sich ereiferte und beim Lehrer petzen ging: ich hätte gesagt, verbrennen sei ein dummer Grund! Zwar suchte ich klarzustellen, dass Verbrennen überhaupt kein Grund für irgendetwas sei, ja der Satz überhaupt keinen Sinn ergebe, und dass der Grund fürs Verbrennen, den mein Kumpel angegeben hatte, dumm war, aber der Lehrer ließ mich gar nicht recht zu Wort kommen; er entpuppte sich selbst als Anhänger der Feuerbestattung, der es gar nicht gut fand, dass ich die Einäscherung angeblich als dumm bezeichnet hatte. Ähnliches spielte sich beim gemeinsamen Pizzabacken an irgendeinem Projekttag ab: Ich hatte stets sehr eigene Essgewohnheiten und lehnte viele Speisen ab (was wiederum von Papa mitgetragen wurde, während meine Mutter oder irgendwelche Lehrer mitunter meinten, mich zum vielbeschworenen Probieren zwingen zu müssen). Das stand mir nach Meinung eines Kumpels nicht zu, der erklärte, er esse, was immer seine Mutter auf den Tisch stelle, und zwar in einem Ton, als wäre dies etwas, worauf man stolz sein müsste. Um ihm deutlich zu machen, dass das doch ein reichlich dämliches Kriterium war und man seine Speisen lieber selbst auswählen, als von anderen bestimmen lassen sollte, fragte ich, was er täte, wenn seine Mutter sich selbst auf den Tisch stelle oder ihm einen Teller Scheiße serviere? „Iiiiiiih!“, machten da alle im Raum. Und just jetzt kam unsere Lehrerin zurück, die uns vorübergehend allein gelassen hatte, und ich wurde denunziert: ich hätte gefragt, ob es heute auch Scheiße zu essen gebe, und so eklige Sachen! Das stritt ich zwar ab und wollte die Sache richtigstellen, aber die Lehrerin hörte mich gar nicht an und alle Schüler im Raum bestätigten ihr ohnehin, was ich angeblich von mir gegeben hatte. Kurzum: Schon in frühen Jahren musste ich lernen, dass der gemeine Mensch schlechterdings unfähig ist, die einfachsten Aussagen und Argumente zu verstehen und bloß einzelne Stichworte hört, um die herum er sich dann selbst konstruiert, was angeblich gesagt wurde; wie ich gleichsam schon hier lernen musste, dass Erwachsene in der Regel nicht wie Papa waren, nicht zuhörten, hingegen ihre Übermacht blind gegen einen einsetzten, sodass man auf Billigkeit von ihnen nicht zu hoffen brauchte. Unterdes klärte ich munter weiter auf: Ich lehrte meine Freunde, dass man nicht die eigenen Eltern als beste Eltern der Welt betiteln musste, nur weil es eben gerade die eigenen waren, dass ich nie auf die Idee käme, meine Mutter als „beste Mama der Welt“ zu bezeichnen, und dass, wenn ich Papa den „besten Papa der Welt“ nannte, dies darum auch wirklich Gewicht hatte. Einem türkischen Kumpel gab ich zu verstehen: dass er so ein Gewese um diesen „Allah“ mache, das sei doch nur, weil er da blind etwas von seinen Eltern nachplappere, wenn ich Spyro, den lila Drachen, welcher Protagonist meines Lieblingsplaystationspiels war, anbetete, wäre das ebenso legitim. Und mein damals bester Freund musste zu seinem Leidwesen früh das Wesen von Macht kennenlernen, die man nicht einfach blindlings ausüben kann, sowie sich mit meinem Ratiokratismus herumschlagen: Denn ich sah gar nicht ein, weshalb, nur weil wir mit seinen Playmobilpiraten spielten und er daher als erster aus den Figuren hatte wählen dürfen und sich für den Kapitän entschieden hatte, meine Figuren nun jeder noch so verkehrten Anweisungen zu gehorchen hatten und nicht auch ebenso gut meutern konnten. Es versteht sich, dass ich damals noch nichts von einer Aufklärung gehört hatte. Ich verfolgte auch kein bewusstes Ziel. Das Aufklären lag mir schlicht im Blut: Ich dachte richtig, weil es so eben richtig war, und es fiel mir mitunter schwer, die Blindheiten der mich umgebenden Menschen nachzuvollziehen und zu begreifen, wie das, was doch klar am Tage lag, ihnen nicht so offensichtlich sein konnte wie mir. Hier kann dem Aufmerksamen deutlich werden: Aufklärer bin ich, so wie ich ein Mann oder ein Mensch oder ein lebendes Wesen bin. Ich habe mich hierzu nicht in dem Sinne entschlossen, in dem jemand anders irgendwann einmal beschlossen haben mag, Klempner oder Pilot zu werden. Ich kann gar nicht anders.

Meine Mutter war einige Zeit vor meiner Einschulung aus den USA zurückgekehrt und ich sah sie ein- oder zweimal die Woche. Sie ließ sich, wie ich schon schrieb, nicht von mir aufklären. Dafür missachtete sie mich zu sehr; an ihrer Liebe hatte ich wohlverstanden niemals Grund zu zweifeln, aber Achtung erfuhr ich von ihr keine, und dass diese nicht notwendig mit jener einherging, dass sie Arbeit erforderte, das wollte meine Mutter nie begreifen. Ich dagegen lernte gleichwohl viel für meine Aufklärung: So gewöhnte ich mich früh, die Meinungen meiner Mutter nicht sonderlich ernst, sondern in ihrer ganzen Inkonsequenz wahrzunehmen: Mal nämlich fällte sie eigene Urteile, die dann ihrer privaten Ideologie entsprechen mochten: Dann lehnte sie ab, dass ich Tom und Jerry schaute, weil da immer so viel gehauen werde, oder missbilligte Harry Potter, weil das so düster und so voller schwarzer Magie sei. Dann aber hatte sie andere Urteile, die sie einmal von irgendeiner Autorität, etwa ihrem von ihr tief verehrten Vater, vernommen hatte und nun wie eigene Meinungen behandelte, die aber mit ihren sonstigen Meinungen in offensichtlichem Widerspruch standen: Der rosarote Panther war süß und charmant, obwohl in dessen Filmen doch auch viel gehauen werde, wie ich schon als Kind bemerkte, und auch der doch ebenfalls düstere und von schwarzer Magie nicht freie Herr der Ringe fand ihr Wohlwollen, wohinter ich eine respektvolle Bemerkung meines Großvaters vermute, die dieser einmal über Tolkien gemacht haben mag. Es wäre aber zu simpel, wollte man meinen, der Unaufgeklärte sei stets autoritätshörig. Gerade dieser Irrtum erlaubt es den Unaufgeklärtesten, sich für mündig und kritisch zu halten, bloß weil sie die herrschende Meinung ablehnen. In Wahrheit, und auch das lernte ich schon früh an meiner Mutter, ist noch der scheinbar von irgendeinem Vormund vollständig Abhängige ganz außerordentlich kritisch, wenn der Vormund einmal etwas ihm nicht Genehmes sagt; in Wahrheit nämlich ist denn doch niemand von einem Vormund, sondern immer nur von seiner eigenen Unmündigkeit abhängig: So wie ich in späteren Jahren bemerkte, wie oft meine Großmutter blind irgendwelchen Experten, Doktoren und Ärzten glaubte, wie sie aber immer mal wieder in scheinbarer Aufgeklärtheit betonte, auch Wissenschaftler könnten sich irren, sobald von diesen einmal etwas kam, das sie nicht hören wollte: so konnte ich dasselbe hier schon an meiner Mutter beobachten: Ich weiß noch, wie sie, die sonst alles für bare Münze nahm, was Horoskope, Lebenslinien, Palmblätter oder Tarotkarten ihr sagten, sich die letzteren einmal auf einem Flohmarkt legen ließ und von den Karten zu hören bekam, sie hätte sich nicht von meinem Vater trennen sollen, damit hätte sie ein großes Geschenk des Universums weggeworfen. Sie schimpfte noch einige Zeit danach, die Kartenlegerin hätte von ihrem Handwerk nichts verstanden und sei eine Betrügerin gewesen; ich war eher geneigt, das Gegenteil zu glauben und sie für die einzige Wahrsagerin zu halten, welche meine Mutter konsultiert hatte, die auch wirklich Wahres sagte.

Neben den Treffen mit meiner Mutter und mit Freunden verbrachte ich einen großen Teil meiner Zeit vor der Glotze: Lange hatten wir keinen Fernseher gehabt, erst kurz vor meiner Einschulung kaufte Papa einen, etwas danach bekam ich irgendwann meine Playstation. Nun holte ich Versäumtes nach und verbrachte ganze Tage mit Fernsehschauen und Zocken. Wie es in ordentlichen deutschen Haushalten ablief, konnte ich bei meinem besten Freund, der im mittelstandintellektuellen Wilmersdorf wohnte, beobachten, wann immer dessen Eltern uns nur eine halbe Stunde spielen ließen. Lesen war mir zu jener Zeit, da ich es noch nicht recht konnte, viel zu anstrengend. Ich hielt es hier ähnlich wie früher mit dem Laufen und wie ich es übrigens mit allem im Leben hielt, etwa später mit dem Tippen auf einer Tastatur oder mit dem Englischen: Üben und mich dabei abquälen lag mir nicht, ich ließ also gänzlich die Finger davon, bis ich es dann mit einem Mal sehr gut und ohne Anstrengung konnte. Doch war auch diese Zeit meines Lebens alles andere als frei von Büchern: Noch immer ließ ich mir allabendlich und allmorgendlich von Papa vorlesen. Mein Lieblingsbuch in jener Periode und noch eine Weile darüber hinaus wurde Harry Potter, und wie früher den Pumuckl ließ ich ihn mir vorlesen, bis ich ihn fast auswendig kannte.

Meine Gymnasialzeit:

Wie glücklicherweise in Berlin üblich endete die Grundschule für mich erst nach der sechsten Klasse. Ich kam auf ein Gymnasium, das seither die Ehre verspielt hat, meinen guten Namen mit dem seinen in Verbindung bringen zu dürfen. Damals jedoch war es noch ganz anders als heute, und nachdem ich mir viele Schulen angesehen und manchen Tag der offenen Tür besucht hatte, war mir die Wahl sehr leicht gefallen, als ich schließlich dieses für mich entdeckt hatte: wie stets war ich meinem Fühlen gefolgt. Dabei hätte manch ein Oberflächlicher wohl geurteilt, dass ich eine sehr schlechte Wahl getroffen hatte: Als ich frisch an diese Schule kam, hatte sie gerade erst kurz vor der Schließung gestanden. Das Kollegium war klein und überaltert. Auch Schüler gab es nur wenige, vor allem schafften es nur die wenigsten bis zum Abitur, sodass, als ich die 7. Klasse besuchte, der Abitursjahrgang etwa ein Dutzend Schüler umfasste. So gering war die Zahl der Nueanmeldungen, dass die Schule vielfach auch Kinder annehmen musste, die nur eine Realschulempfehlung vorzuweisen hatten. (Die meisten von ihnen brachten es später dennoch zusammen mit mir zum Abitur und setzten ihren Lebensweg dann vielfach mit einem Studium fort; und hiermit ist alles gesagt, was über diese ganze Einteilung von Kindern im Grundschulalter zu sagen ist.) Zudem lag der Ausländeranteil an dieser Schule im Herzen Neuköllns wohl bei knapp 90%. Vom letzteren abgesehen wandelte sich alles binnen weniger Jahre: Das Kollegium wuchs und es kamen viele neue und jüngere Lehrer an die Schule, auch die Zahl der Schüler und vor allem der Abiturienten wuchs an, sodass ich sechs Jahre später mein Abitur mit über hundert Anderen ablegte. Ich musste mich erst einmal eingewöhnen und tat dies anfangs nicht ohne alle Schwierigkeit: Teil des Erfolgs meiner Schule bestand darin, dass sie zum ersten Ganztagsgymnasium Berlins wurde, just ab dem Jahr meiner Einschulung. Dies war mir bei der Anmeldung nicht recht bewusst gewesen, was gut war, da es mich andernfalls gewiss von dieser abgehalten hätte. Täglich bis um 4 in der Schule zu sitzen, im Winter gar erst im Dunkeln heimzukommen, das war gewöhnungsbedürftig, zumal der Tag an meiner Grundschule immer etwas später als üblich begonnen hatte und schnell vergangen war. Auch meine Mitschüler irritierten mich zunächst. Das heißt, zunächst war ich es, der sie irritierte, mit meinen langen Haaren wie auch mit meiner roten Kleidung. Infolgedessen suchten sie mich bald mit dummen Sprüchen aufzuziehen, nannten mich etwa Rotkäppchen. Aber wohlverstanden, nicht das war es, was mich irritierte: Den gleichen Spitznamen hatte man mir auch auf der Grundschule anfangs gegeben. Und ich hatte beim Übergang aufs Gymnasium fest damit gerechnet, mir zunächst abermals irgendwelche Spottnamen anhören zu müssen. Aber dass es derselbe war, dieser Mangel an Originalität war mir anfänglich schwer verständlich. Der Name war ja offensichtlich dumm, denn eine Kappe trug ich nicht. Freilich kann ich heute sagen, dass dies eben das Spiel der Assoziation ist und dass der Mechanismus hier ein ähnlicher war wie dort, wo die Menschen nicht recht zuhören und ein Argument partout nicht erfassen: Es wird hier ein Detail wie dort ein Wort herausgegriffen und das Ganze gar nicht recht oder gar differenziert betrachtet. Damals aber hatte ich mir abgeklärt gesagt: Rotkäppchen, das wäre eben einem einzelnen Deppen auf der Grundschule eingefallen und die anderen hätten es gedankenlos nachgeplappert; auf dem Gymnasium würden sie ebenso gedankenlos wiederholen, was immer dem Ersten diesmal einfallen würde. Man sieht, bis zu welchem Grade meine Aufklärung damals reichte und bis zu welchem sie noch oberflächlich war: Den Mangel an Eigenständigkeit, das Abhängen von Anderen hatte ich durchaus durchschaut, aber ich begriff noch nicht, wie auch innerlich die Unaufgeklärten kaum Individualität besitzen und vielmehr alle nach denselben Mustern funktionieren. Zu erkennen, dass ihre Gleichförmigkeit nicht nur auf Nachahmung beruhte, sondern wirklich innerlich war, dies war zunächst eine große Überraschung für mich. Nichtsdestotrotz, ich ging, wie schon zu Grundschulzeiten, gerne zur Schule, hatte meist meine Freude am Unterricht und oft auch das Glück, gute, ja teils außergewöhnliche Lehrer vorgesetzt zu bekommen; insbesondere hatte ich von der 8. Klasse an in Deutsch, über weite Teile meiner Schulzeit in Geschichte – welche beiden Fächer ich auch zu Leistungskursen wählte –, in der Oberstufe dann auch in Englisch und zwischenzeitlich noch in dem einen oder anderen Fach mehr Lehrer, die und deren Unterricht mir bis heute in den besten Erinnerungen geblieben sind.

Irgendwann in dieser Lebensphase werde ich das erste Mal von der Aufklärung gehört haben. Sie kümmerte mich jedoch wenig, als sie kurzzeitig im Geschichts- oder im Deutschunterricht zur Sprache kam. Es gab zwischen damals und heute keine grundsätzliche Veränderung meiner Ausrichtung und dessen, was mir am Herzen liegt, nur eine Vertiefung; der Sache nach war meine Haltung schon dieselbe wie heute, nur oberflächlicher, ich verband sie bloß nicht mit dem Namen der Aufklärung. Was ich mit diesem verband, war ungefähr, was die gemeine Meinung damit verbindet: kalte, falsch verstandene Rationalität, Befreiung von diesem oder jenem abergläubischen Vorurteil, Liberalismus und Säkularismus, etwas, das nicht ganz ohne allen Wert war und das seine Bedeutung für die Entstehung der heutigen Welt hatte, das aber nicht war, was ich suchte. Ich neigte eher der Epoche der Romantik zu, die im Deutschunterricht ein Semester lang intensiv behandelt wurde, und die mir Vieles von der zu oberflächlichen Aufklärung Vernachlässigtes hochzuhalten schien, woran auch mir gelegen war; schon damals schrieb ich in einer Klausur, es brauche eben auch den Mut, sich seines eigenen Herzens zu bedienen. Inzwischen habe ich gelernt, dass die Romantik vielleicht eine Gegenbewegung zur Ausklärung war, wie sie die Allgemeine deutsche Bibliothek und die Encyclopédie verkörperten, nicht aber unbedingt zur eigentlichen Aufklärung. Doch in der Sache hat sich meine Haltung, wie gesagt, nicht gewandelt. Ich pflegte während jener Jahre bloß unschärfer von Weisheit zu reden, die doch die höchste Tugend sei, nach der ein jeder streben sollte. Dieses Streben begriff ich aber noch mehr als eine persönliche Angelegenheit, mich selbst nicht als einen Weisheitslehrer. Gleichwohl klärte ich weiter auf. In großem Umfange wiederum an meiner Schule, unter Mitschülern, durchaus aber auch Lehrern. Ich tat dies wohl in erster Linie durch mein Wesen, nicht durch Debatten und Argumente: Schon dass ich war, wie ich nun einmal war, war meinen Mitschülern eine große Möglichkeit zur Erweiterung ihres engen neuköllner Horizonts, denn mich vermochten sie in keine Schublade zu stecken: Mit meinen langen Haaren und meiner roten Kleidung war nichts anzufangen. Ich erhielt exzellente Noten, schloss erst den MSA, dann das Abitur mit einem Durchschnitt von 1,0 ab, war aber offensichtlich kein Streber, vielmehr chronisch faul und unterließ es ab etwa der 9. Klasse fast vollständig, noch irgendwelche Hausaufgaben zu machen, da ich wirklich Besseres mit meiner Zeit anzufangen wusste, als mich solch einer unnützen Beschäftigungstherapie zu unterziehen; – auf die mir oft gestellte Frage: „Warum bist du so schlau???“, pflegte ich übrigens zu antworten: „Weil ich zuhöre.“ Auch mein ruhiges Wesen und mein Gleichmut hinterließen ihren Eindruck, wobei auch sie für Irritationen sorgten: Ich weiß noch, wie, als ein Lehrer einmal die Noten verlas, die wir in irgendeinem Test erhalten hatten, und ich eine 1 stumm zur Kenntnis nahm, ein Schüler, der von einer solchen nur träumen konnte, aufsprang und mich anschrie: „Lak freu dich doch, was ist los mit dir?!“ Meine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft taten ihr Übriges. So wenig meine Mitschüler anfangs mit mir anzufangen gewusst hatten, zur Zeit der Oberstufe – die ich der größeren Freiheit, der Auflösung der Klassenverbände und der Kurswahl wegen am meisten genoss – hatte ich einen einmaligen Ruf und wurde von vielen geschätzt und respektiert, es gab beim Abitur in der Mottowoche schließlich sogar einen Jonathantag, an dem der ganze Jahrgang in Rot erschien. Freilich suchte ich auch auf anderem Wege aufzuklären als nur dadurch, dass ich eben da, ich selbst und mir treu war. Aber hier war ich noch zu harsch, ja grausam, erwartete, man solle sich nicht so haben und auf meine Höhe hinaufkommen, statt zum Anderen hinabzusteigen und ihm bei diesem Aufstieg zu helfen. Die Richtung, nach der ich strebte, war die richtige, der gangbare Weg aber noch nicht gefunden; besonders mein engster Schulfreund hatte zu meinem Bedauern manches Mal unter meiner Ungeduld und Hilflosigkeit im Umgang mit Mauern, auf die ich stieß, zu leiden. Hierhin gehört auch, dass ich damals noch eine plattere Vernünftigkeit lebte und an die Kraft von Argumenten glaubte. Ich führte viele Debatten in jenen Jahren, insbesondere im Internet, wo ich ganze Bücher an Posts zusammengetippt haben mag und doch, obgleich ich gewöhnlich recht und die besseren Argumente hatte, kaum je jemanden überzeugte. Es sollte bis zu meiner tieferen Beschäftigung mit Aufklärung und insbesondere mit Fichte in späteren Jahren dauern, bis ich erkannte, dass nicht die Meinungen der Menschen ihr Tun bestimmen, sondern dass ihr Tun bzw. ihr Wille, das, was sie tun oder lassen wollen, über ihre Meinungen entscheidet, dass Aufklärung daher auf diesen ihren Willen zu wirken hat, worauf sie ihre Meinungen ganz von selbst berichtigen werden, wohingegen sie umgekehrt ihre Ohren gegen jeden noch so klaren Gegengrund verschließen werden, solange sie ihn nicht hören wollen. Aber die vielen Diskussionen jener Tage waren nicht vergeblich, ich vertiefte in ihnen mein Verständnis meiner Mitmenschen, ich lernte hier die Unaufgeklärtheit, ihre Taktiken und Ausweichmanöver, ihre gänzliche Dialogunfähigkeit näher kennen, schärfte und begriff auch die eigenen Ansichten besser. Will ich über mein Verhältnis zur Aufklärung in diesen Jahren meines Lebens sprechen, so muss ich auch erwähnen, dass ich in jenen Jahren sehr politisch war. Ich nahm Politik erstmals bewusst gegen Ende meiner Grundschulzeit wahr, als vor der Bundestagswahl 2005 die Erwachsenen um mich her von einem möglichen Regierungswechsel, gar vom möglicherweise ersten weiblichen Bundeskanzler sprachen. Während ich aufs Gymnasium ging, beschäftigte ich mich dann immer mehr mit dem politischen Tagesgeschehen und mag zwischenzeitlich beinahe jede Kabarettsendung geschaut haben, die das deutsche Fernsehen ausstrahlte (während ich mich heute frage, wie ich die meisten dieser Sendungen nur ertragen habe). Als ich zur Erlangung des Mittleren Schulabschlusses einen Vortrag zu halten hatte, wählte ich zu meinem Thema die Frage: „Hat die SPD die Demokratie vergessen?“ (die Antwort übrigens lautet: nein, vergessen kann man nur, was man einmal gekannt hat), die Debatten, die ich im Internet führte, hatten oft politische und gesellschaftliche Themen zum Inhalt, drehten sich um Atomkraft, Todesstrafe, den Islam oder was auch immer, und auch das Geschehen außerhalb Deutschlands war für mich von großem Interesse: so erinnere ich mich noch, wie ich mit großer Begeisterung und reger Anteilnahme die Geschehnisse des Arabischen Frühlings mitverfolgte, während sie stattfanden. Weshalb gehört dies hierher, da ich über Aufklärung spreche? Die meisten Menschen, auch solche, die für hoch politisch gelten würden, und mich selbst eingeschlossen, haben wenig Interesse an den Details der Regierungsarbeit, und warum sollten sie ein solches auch haben, wenn sie nicht gerade selbst Regenten sind? So bekümmerte ich mich wenig um Wirtschaftspolitik, um die Details der Gesundheitsreform oder um Zahlen und Statistiken. Es ist Anderes, was die Leute zur Politik zieht. Oft sind es die eigenen Vorteile bzw. die der eigenen Gruppe. In meinem Falle, und hierin zeigte ich die Gesinnung des Aufklärers, war es das Interesse der Menschheit und der sittliche Wunsch nach ihrer Vervollkommnung. Ich fiel schon damals nicht auf Ideologien herein, rechnete mich kaum einer politischen Richtung zu, war nur überhaupt am Guten, an Freiheit und Gleichheit und am Fortschritt der Menschenrechte interessiert. Obwohl ich um mich her, ob nun an meinen Mitschülern und Kumpels, an meinen Lehrern, an meiner Verwandtschaft oder an den Leuten, mit denen ich im Internet diskutierte, bereits genug Unaufgeklärtheit erlebt hatte, fehlte mir noch ein klareres Bewusstsein davon, dass es sich um ein universelles Problem handelte. Und so hatte ich zu dieser Zeit noch ein vergleichsweise großes Vertrauen in die Masse. Meine damalige Haltung wäre am besten als die eines radikalen Demokraten beschrieben. Schon damals war ich Idealist, aber mein Ideal war eben noch das der Demokratie (jedoch einer, in der ganz im Sinne Rousseaus nicht der Wille Aller, sondern der Gemeinwille regieren sollte, d. h. ähnlich wie im Falle meiner damaligen leichten Ablehnung gegen die Aufklärung hat sich weniger meine Haltung als, dank hinzugewonnenen Wissens, die Wortwahl geändert, in der ich diese beschreibe; so meine Haltung selbst eine Wandlung durchgemacht hat, so am ehesten darin, dass ich damals noch leichtfertiger annahm, die Mehrheit würde schon den Gemeinwillen durchsetzen, wenn man sie nur ließe): Wer heute für die Demokratie ist, der ist es meist deshalb, weil er sie für jene Herrschaftsform hält, in der seine Partikularinteressen am ehesten durchzusetzen sind, aber er wäre zumeist auch ganz zufrieden, in einer Autokratie zu leben, wenn er nur gewiss sein könnte, dass der Autokrat in seinem Sinne handeln würde. Ich dagegen war für die Demokratie um ihrer selbst willen. Und ich meinte, dass vor allem mehr Freiheit, mehr Bürgerbeteiligung, kurz mehr Demokratie nottäten, um die Lage der Menschen zu bessern. Zu Anfang der 10er Jahre, als ich in die Oberstufe ging und mein politisches Interesse seinen Höhepunkt erreichte, schien sich viel zu bewegen – nicht nur in der Welt, wo der Arabische Frühling ausgebrochen war, sondern auch in Deutschland selbst: Es wurde die Piratenpartei in die Parlamente gewählt und mit Baden-Württemberg erhielt erstmals seit den frühen Nachkriegsjahren ein Bundesland einen Ministerpräsidenten, der nicht von der SPD oder der CDU gestellt wurde, was ich beides begrüßte, da es mir die starren Strukturen und politischen Blöcke aufzubrechen schien, was immer ich nun konkret von den erstarkenden Parteien halten mochte; eine Verabschiedung längst überholter Strukturen schien mir auch die Abschaffung der Wehrpflicht; nachdem zwei Bundespräsidenten infolge von Skandalen zurückgetreten waren, war wenigstens kurzzeitig die Abschaffung oder Reform dieses Amtes im Gespräch; der Ausstieg aus der Atomkraft wurde beschlossen; vor allem aber schien die Zivilgesellschaft immer stärker zu werden und schien ein neuer demokratischer Geist durchs Land zu gehen, wobei ich insbesondere die Proteste gegen Stuttgart 21 und die Schlichtungsversuche verfolgte und auf den Beginn eines noch nie gekannten Maßes an Bürgerbeteiligung hoffte. Ich bin immer noch der Überzeugung, dass die Politik in jenen Jahren die Chance versäumte, stärker mit dem Bürger in Dialog zu treten, und dass, hätte sie zu Beginn jenes Jahrzehnts den Mut zu grundlegenden Reformen gehabt, die Stimmung im Lande in den darauffolgenden Jahren vielleicht nicht derart umgeschlagen wäre und wir keinen solchen Vertrauensverlust in die Politik und keinen solchen Aufstieg der Rechten gesehen hätten. Aber dem sei wie ihm wolle, meine Begeisterung und meine Hoffnung jener Jahre sowie meine Beschäftigung mit dem Thema Bürgerbeteiligung kulminierten in meiner Abschlussarbeit – ich war beinahe der einzige, der von der Möglichkeit Gebrauch machte, zur Erlangungen des Abiturs keinen Vortrag zu halten, sondern eine Hausarbeit zu verfassen –, die den Titel trug: „Über den Zustand der Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland – Untersuchung des Wandels im Umgang mit politischer Partizipation und der hieraus erwachsenden Perspektiven für die deutsche Demokratie“. Und dieselbe Begeisterung und Hoffnung trieben mich auch dazu, mich während der langen Sommerferien zwischen Abitur und Studium in der sich gerade gründenden neuköllner Bürgerplattform zu engagieren, nachdem ich das aus den USA stammende und langsam auch in Deutschland aufkommende Phänomenen der Bürgerplattformen – eine Art von Lobbygruppen der Bürger – neben anderen Konzepten für eine lebendigere Demokratie in meiner Abschlussarbeit behandelt hatte. Mein Engagement sollte nicht lange andauern, denn so sehr mich die Idee begeistert hatte, war ich nun von der Realität ernüchtert, denn ich sah in der Bürgerplattform selbst, von der ich mir doch mehr Demokratie erhofft hatte, Demokratiedefizite. Ich ging gleichwohl mit den besten Wünschen und noch immer im Glauben, dass dieses Instrument manch Gutes bewirken konnte, doch mein Platz war offensichtlich anderswo. In den folgenden Jahren sollte mein Interesse an Politik schwinden, sofern unter dieser nicht das Zusammenleben der Menschen überhaupt, sondern, wie gewöhnlich, die Tages- und Parteienpolitik verstanden wird; dies geschah in eben dem Maße, in dem mein Verständnis für die tieferen Probleme der Menschheit und auch für die Notwendigkeit der Aufklärung wuchs. Und ich habe mich seither überzeugt, dass in jungen Jahren für die Politik zu brennen zwar ein gutes Zeichen sein kann – ein Zeichen nämlich für ein gutes Herz und für ein Interesse, das über das eigene kleine Selbst hinausgeht; wer nicht schon in seiner Jugend Anteil am Zustande der Welt um ihn her nimmt, für dessen Sittlichkeit verspreche ich mir wenig –, dass man mit 20 Jahren spätestens aber langsam die Trivialität des politischen Tagesbetriebs erkennen und sich Tieferem zuwenden sollte. Jene Oberflächlichen, die dies nicht tun – es sind die meisten –, werden von diesem Tagesbetrieb aufgesogen und verlieren den Ansatz von Idealen, den sie einmal gehabt haben mochten, sie resignieren und geben diese Ideale auf oder schließlich sie enden als vertrottelte Träumer und Möchtegernrevolutionäre irgendwo am politischen Rand, bei denen das Ideal zur Ideologie versteift ist. Das politische Interesse bei einem Jugendlichen kann noch Ausdruck aufrechten Strebens sein, das das rechte Ziel noch zu finden vermag; bei einem Erwachsenen ist es eine Unmündigkeit, die meist schwer erträglich ist.

Der Kontakt zu meiner Mutter nahm ab in jenen Jahren der Gymnasialzeit. Weniger und weniger war ich ihrer Missachtung hilflos ausgeliefert, immer weniger auch war ich sie hinzunehmen bereit. Es geschah schon kurz nach dem Schulwechsel, dass sie das Fass zum Überlaufen brachte: Mein Großvater feierte seinen 80. Geburtstag mit seinen berliner Freunden und Bekannten, wozu prominente Gäste aus Presse und Politik geladen waren; ich sollte etwas Anständiges, d. h. vor allem nicht Rotes tragen, was wohl ihr wichtiger war als ihm, es kam zum Zank, auch zu einer Ohrfeige – der zweiten oder dritten, die meine Mutter mir im Laufe meines Lebens gegeben hatte, aber der ersten, auf die hin ich zurückschlug, und damit der letzten. Ich erschien auf der Feier in Rot, ohne dass es jemanden gekümmert hätte. Und ich verweigerte fortan die wöchentlichen Besuche bei meiner Mutter, die ich nun nur noch einige wenige Male traf, da ich ihre Achtung zur Bedingung machte, welche unerfüllt blieb, da sie ihre Liebe für ausreichend hielt bzw. nicht begreifen wollte, dass Achtung etwas anderes ist. Sie verschied noch vor meinem Abitur. In den wesentlichen Dingen war ich schon als Kind zu keinerlei Kompromissen bereit; nie hätte ich mich selbst aufgegeben, nur um in irgendwelche klar vernunftlosen Vorstellungen zu passen. Auch lag mir schon als Kind viel daran, geachtet zu werden, und ich habe mit Zunahme meiner Jahre mehr und mehr dafür getan, in meinem Leben nur von solchen Menschen umgeben zu sein, die mich auch tatsächlich achten.

Erst um die Oberstufe begann ich regelmäßig selbst zu lesen, was mich nicht davon abhielt, mir weiterhin vorlesen zu lassen (allerdings kam es nun auch einmal vor, dass andersherum ich Papa vorlas). Das Buch, das mich nun am meisten beschäftigte und am stärksten prägte, war A Song of Ice and Fire, daneben entdeckte ich, als der Deutschunterricht mir die Romantik erschloss, die Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern für mich, die ich noch heute für einen der wunderbarsten Romane halte, die je in deutscher Sprache verfasst wurden. Ich wollte weiterhin Dichter werden, hatte auch mit 13 etwa mit dem Schreiben angefangen und verfasste in den folgenden Jahren mehrere Romane und Erzählungen. Diese waren freilich noch nicht druckreif, aber sie waren eine gute Übung, und um das 17. Lebensjahr herum hatte ich auch die erste, noch sehr grobe Idee zu dem Roman, den ich einmal veröffentlichen wollte. Insgesamt aber las ich kaum Romane, dafür fing ich an, theoretische Schriften zu studieren, zunächst noch keine philosophischen Werke, sondern vornehmlich Soziologisches, Ethnologisches und Religionswissenschaftliches. Früh während der Gymnasialzeit, als ich in der 7. oder 8. Klasse war, hatte ich den Entschluss gefasst, einmal Philosophologie zu studieren. Aber ein Philosoph zu werden, das strebte ich noch nicht an – oder höchstens im Wortsinne, wie ich mitunter sagte, unwissend noch darüber, dass der Wortsinn durchaus der einzige Sinn ist –, und ich beschäftigte mich vor Beginn dieses Studiums auch in keiner Weise mit Philosophie.

Meine Studienzeit:

Von 2012 an studierte ich an der Freien Universität Berlin Philosophologie, vornehmlich bei dem hochgelehrten Wilhelm Schmidt-Biggemann, und Deutsche Philologie, insbesondere beim vortrefflichen Hans Richard Brittnacher, der mein Hauptgrund gewesen war, mich überhaupt an der Freien Universität zu immatrikulieren. Anfänglich hatte ich vorgehabt, sowohl meinen Bachelor als auch meinen Master in Regelstudienzeit abzuschließen, bis ins fünfte der sechs für den Bachelor vorgesehenen Semester hinein erbrachte ich auch alle Studienleistungen wie vorgesehen. Dann aber ließ ich meine letzten vorgesehenen Hausarbeiten und auch die Bachelorarbeit schleifen und nahm mich ihrer erst einige Jahre später wieder an, sodass ich meinen Bachelor erst Anfang 2019 abschloss; einen Master strebte ich seit diesem Zeitpunkt schon länger nicht mehr an. In den Semestern, die ich über die vorgesehene Zeit hinaus studierte, besuchte ich noch einzelne Veranstaltungen, besonders bei den beiden obengenannten Dozenten, bis beider Ausscheiden aus dem Lehrbetrieb mir noch den letzten Grund nahm, die Universität länger aufzusuchen. Es geschah nicht aus Trägheit, dass ich das Studium, als ich kurz davor stand, es abzuschließen, vernachlässigte. Ich war seiner vielmehr überdrüssig, ohne jedoch zu glauben, schon ausgelernt zu haben. Nachdem ich mich die ersten Semester über an der Universität eingelebt hatte – wobei ich mich dort doch nie derart heimisch oder zugehörig fühlte wie auf der Grundschule oder dem Gymnasium –, nachdem ich dort in den ersten zwei oder drei Semestern noch einige oberflächliche Kenntnisse erworben hatte, war bald, insbesondere in meinem Hauptfach, der Philosophologie, der Moment erreicht, da der durchschnittliche Dozent mich nichts mehr lehren konnte, sondern die Oberflächlichkeit des Unterrichts und die Beschränktheit der Lehrenden mir vielmehr Verdruss bereiten mussten. Seminare waren ohnehin schwer erträglich, sie hatten anfangs höchstens das für sich, dass sie mir eine Triebfeder waren, manches Buch zu lesen, das ich andernfalls nicht gelesen hätte. Nie vorher und nie seither habe ich solche geballte Dummheit und Ignoranz erlebt, wie an der Universität. (Interessant hierbei ist besonders folgende Beobachtung, die ich machte: Ich war von der Grundschule und vom Gymnasium her gewohnt, dass man erkannte, wer ich war, dass sowohl meine Mitschüler als auch meine Lehrer stets sehr schnell meine umfassenden Kenntnisse, meinen Scharfsinn und meinen Geist bemerkten. In der Germanistik setzte sich dies fort: Die Studierenden, oft Lehramtsstudenten, die mich, der ich doch zumeist mit ausgesprochen guten Deutschlehrern gesegnet gewesen war, jeden Respekt vor Deutschlehrern verlieren ließen, sprachen mich, wie in früheren Zeiten meine Schulkameraden, mehrmals an und baten um Hilfe bei Prüfungen. Und auch die Dozenten wussten meine Beiträge zu schätzen, einer schlug mich sofort als wissenschaftlichen Mitarbeiter vor, welchen Weg ich aber nicht einschlug, ein anderer trieb sein Seminar an, er könne sicherlich auch wunderbare Einzelgespräche mit mir führen, aber andere müssten sich auch einmal äußern. – In der Philosophologie aber spielten viele Studenten schon ab dem ersten Semester die abgeklärten und alles durchschauende Geister, die über große Philosophen ihre wegwerfenden Urteile fällen konnten und sich einem Kommilitonen gewiss ebenbürtig, in ihrem Innern eigentlich überlegen glaubten. Und die Dozenten mochten nun vom jungen, dynamischen und sich zu den Studenten herablassenden Typus sein – dies wäre eigentlich ekelhaft, denn diese Männer und Frauen sollen die noch ungebildete Jugend doch anleiten, statt sich mit ihr gemein zu machen, hier aber ist es ganz in der Ordnung, denn sie waren wirklich so ungebildet als diese – oder sie mochten zu jenen gehören, die gleichgültig gegen die Masse der vor ihnen sitzenden Studenten sind und hochmütig über ihnen schweben, auch sie jedenfalls waren beinahe durch die Bank unfähig, irgendeine Größe zu erkennen, geschweige denn anzuerkennen. Dieser vollständige Mangel dessen, was Nietzsche den Instinkt für den Rang nannte, gerade bei jenen, deren Geschäft das Studium der Ranghöchsten ist, ist frappierend – und wer ihn bemerkt hat, der wird sich über die Güte unserer Philosophologie keinen Illusionen hingeben.) Ich hörte nicht auf, zu studieren. Ich hörte nur weitestgehend auf, an der Universität zu studieren. Ich war es bald leid, darauf zu warten, dass die bedeutenden Schriften einmal in einem Seminar behandelt wurden (zumeist trauten Seminare sich nur an einzelne Ausschnitte oder an kleinere Werke heran), war auch die Oberflächlichkeit bald leid, mit der sie dort behandelt wurden, und die überhaupt darin lag, nur ein Buch eines Schriftstellers zu lesen. Wer in unserer Welt nach Gründlichkeit sucht, der sucht vergebens, er kann sie nur selbst leisten. Und so war es erst jetzt, dass ich begann, wahrhaft ausgiebig und auf eigene Initiative hin, ohne äußeren Anstoß, zu lesen und mich den mir wichtigen Philosophen und ihren Gesamtwerken zu widmen.

Aber wenn ich diesen Lebensabschnitt auch mit „meine Studienzeit“ übertitelte, so ist diese im Grunde das Nebensächlichste, womit ich die Jahre nach dem Abitur ausfüllte, zumindest dann, wenn hierunter im engeren Sinne das universitäre Studium und nicht das Studium überhaupt, welches in der Tat diese Jahre einnahm, verstanden ist. Ich kehrte 2014 an mein vormaliges Gymnasium zurück, denn die Universität verlangte mir ein Praktikum ab. Über zweieinhalb Schuljahre hinweg unterrichtete ich hier AGs in den neunten und zehnten Klassen: In meiner Aufklärungs-AG suchte ich den Schülern selbstständiges Denken beizubringen, ihren Horizont über ihre kleine neuköllner Welt hinaus zu erweitern und sie Achtung und das Ja zum Leben zu lehren. Mein Unterricht war der wichtigste, der je an dieser, vielleicht an irgendeiner deutschen Schule stattfand (über welchen Satz manche die Nase rümpfen werden, die sie bis hierhin schon einige Male gerümpft haben, über welchen aber nicht ihnen, sondern den Schülern ein Urteil zusteht). Er war sehr beliebt und sehr erfolgreich, er hat viele Schüler tief berührt und gewandelt und wer ihn überhaupt je auf sich wirken ließ, der bleibt mir ein Leben lang dankbar. Was mehr ist: Es fanden sich über diese Jahre insgesamt zwölf Schüler, die tiefer an Aufklärung interessiert waren und die sich auch bald schon wöchentlich privat mit mir trafen, um sich von mir über die Philosophie und die Weisheiten der großen Philosophen erzählen zu lassen. Jene Gruppe bestand fort, auch über das Abitur jener Schüler und das Ende meiner Tätigkeit als AG-Leiter hinaus. Diese Schüler sollten einige der mir wichtigsten und nächsten Menschen werden, und neben dem Umstand, dass ich gerade bei Henrik Löwer aufwachsen durfte, und dem, dass ich gerade in Neukölln lebe, betrachte ich das Praktikum, das ich im Zuge meines Studiums zu absolvieren hatte, als einen der größten Glücksfälle meines Lebens, durfte ich durch jenen Umstand doch diese Menschen kennenlernen. Wie jeder echte Lehrer stand und stehe ich mit meinen Schülern nicht nur in einem einseitigen Abhängigkeitsverhältnis, sondern in einem der Wechselwirkung: Sie sind dankbar für all den Reichtum, mit dem ich sie beschenkte, aber nicht minder dankbar bin ich für all den Reichtum, den ich von ihnen erhielt, lernte ich doch ebenso viel, wie ich lehrte. Meine Tätigkeit als AG-Leiter endete 2016: Die Schule erhielt eine neue Leitung, die diese in einen Ort verwandelt hat, an dem ich mich heute kein zweites Mal anmelden würde; als ich im Zuge der Wahlen in Berlin auf Werbung der neuköllner Bürgermeisterin mit einem kritischen Brief antwortete, leitete sie diesen an die Schule weiter und man warf mich hinaus, es sei schließlich „alles etwas softer“ und man brauche die gute Beziehung zum Rathaus. Aber es bleibt, was mein Aufklärungsunterricht und mehr noch mein privater Philosophieunterricht nicht nur meinen Schülern, sondern auch mir selbst brachten. Hier erst konnte ich lernen, wirklich und in der Tiefe aufzuklären. Hier erst konnte ich, was ich mein Leben über gebahnt und gefühlt hatte, auf klare Begriffe bringen und meine Philosophie entwickeln. Hier erst konnte ich insbesondere das Fühlen tiefer durchdringen und jenen vollen Gleichmut, jene milde Strenge auch entwickeln, die dem Aufklärer gebühren und die mir während meiner Schulzeit noch gefehlt hatten. Ohne diese Tätigkeit könnte ich heute nicht öffentlich wirken, wie ich es jetzt tue.

In den ersten Semestern suchte ich mich überhaupt erst in der Philosophie zu orientieren, im Übrigen neigte ich am ehesten Aristoteles und Hegel zu, während ich Kant, da noch etwas von einem jugendlichen Stürmer und Dränger in mir steckte, zwar als einen bedeutenden Philosophen respektierte, aber für etwas zu rigide und kalt hielt, worin ich mehr dem von Kant vorherrschenden Klischee folgte als der Wirklichkeit. Die Aufklärung und auch Kant entdeckte ich für mich durch die höchst lesenswerten Arbeiten Foucaults, den ich schon während der Oberstufe studiert und schätzen gelernt hatte. Hierfür bin ich Hanns-Peter Neumann zu anhaltendem Danke verpflichtet, der zu den wenigen ernstzunehmenden Dozenten gehörte, denen ich begegnete, und in dessen Seminar ich Bekanntschaft mit Foucaults Texten zur Aufklärung machte. Jetzt erst erkannte ich in dieser das, worauf die mein Leben durchziehende Tendenz schon immer ausgegangen war. Neben Foucault und Kant trug im Folgenden vor allem Nietzsche zur Vertiefung meines Begriffs der Aufklärung bei; mehr über dieselbe und vor allem über das lebendige Aufklären selbst lernte ich dann im Zuge der AGs, die ich bald darauf zu unterrichten begann und von denen ich oben schon sprach. Daneben setzte ich mich tiefer mit dem Zeitalter und dem Denken der Aufklärung auseinander, wobei mir vor allem die Lektüre Fichtes unendlich viel einbrachte, ich aber auch von anderen Denkern mit aufklärerischer Tendenz wie Bataille oder Arendt einen großen Gewinn hatte. All mein Tun war von nun an nicht nur dem Triebe nach, sondern mit Bewusstsein auf Aufklärung gerichtet. Mein Interesse wird schon äußerlich an den Hausarbeiten sichtbar, die ich von nun an verfasste und die sämtlich explizit die Aufklärung zum Gegenstand hatten und diese aus unterschiedlichen Perspektiven untersuchten. Meine mit einem Fichtezitat überschriebene Bachelorarbeit trug schließlich den Titel „‚Wer zur Tugend erziehen will, muss zur Selbstständigkeit erziehen‘ – Positive Aufklärung in Gestalt der Sittlichkeit bei Kant und Fichte als notwendige Ergänzung der bloß negativen Aufklärung“.

Gelesen habe ich in dieser Periode mehr als je zuvor und mehr als wohl die meisten Menschen im ganzen Leben, jedoch widmete ich meine Studienzeit fast ausschließlich der Wissenschaft, sodass ich keinen neuen Roman zu nennen weiß, der in dieser Zeit besondere Bedeutung für mich gehabt hätte. Was die wissenschaftliche Lektüre anbetrifft, so sprach ich über diese bereits, will aber neben dem Gewinn für mein Verständnis des Lebens und der Aufklärung, den mir viele verschiedene Autoren bescherten, noch einmal die besondere Bedeutung Fichtes unterstreichen, des größten, ja des einzigen Philosophen, der mich erst wahrhaft lehrte, was Philosophie ist, und der Jedem Ansporn und strengste Verpflichtung sein muss. Zu Beginn des Studiums sah ich mich noch immer nicht als Philosophen, da ich unter einem solchen nur einen Vernunftwissenschaftler verstand. Mit der Zeit und auch bedingt durch meinen Aufklärungsunterricht erkannte ich aber, dass man auch als Vernunftkünstler Philosoph sein kann. Und ich war von nun an bereit, mir diesen Mantel anzuziehen, denn diese Aufgabe war nun einmal an mich gestellt worden, die Philosophie harrte offensichtlich ihrer Erneuerung und Wiederauferstehung und die Philosophologen weigerten sich, dieses Geschäft zu leisten. Nachdem ich nicht aus-, aber genug gelernt hatte, nutzte ich das Jahr 2018, erfüllt von neuem Tatendrang, um die für den Bachelorabschluss noch ausstehenden Arbeiten zu verfassen und Anderes zu regeln, um dann im Folgejahr an die Öffentlichkeit zu treten. Dass ich aufklären wollte, das wusste ich, philosophische Werke lagen vielleicht mehr vor mir, als ein Mensch sie in seinem Leben verfassen kann, und auch mein Roman nahm in meinem Innern nun klarere Gestalt an. Ein fünftes Kapitel in meinem Leben sollte anbrechen mit der Ausrufung eines neuen Zeitalters der Aufklärung.