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„Vulgus jactat & prodigit nomina, extenditquae facile ad ea, quibus non quadrant: Qod fere est, esse dicunt: quod vix est, dicunt non esse: Et toleranda forent haec vitia nominum, si non ea rebus ipsis adspergerent, & ex nominibus aestimare res ipsas assuescerent“ („Die Masse wirft mit Worten und Bedeutungen um sich und legt sie den unpassendsten Gegenständen bei: Was beinahe so ist, ist gleich wirklich so, was eben gerade noch da ist, soll gar nicht mehr existieren. Die falsche Nomenklatur wäre indessen noch zu ertragen, wenn sie nicht auf die Dinge selbst abfärbte und dazu führte, daß man die Sache nach dem Namen einschätzt.“)

Arnold Geulincx: Ethica. De virtute et primis eius proprietatibus, quae vulgo virtutes cardinales vocantur (Ethik oder Über die Tugend und ihre Haupteigenschaften, welche allgemein Kardinaltugenden genannt werden. Kapitel II. 1. Abschnitt. § 3. 3.)

„Der Niedergang der Bildung zeigt sich in Verarmung der Sprache; das Deutsch der Zeitungen ist eine κοινή [Koine; allgemeine Verkehrssprache] bereits. […]

Die Armut der Sprache entspricht der Armut der Meinungen: man denke an unsre Litteraturzeitungen: wie wenig herrschende Ansichten! Zuerst glaubt man mit lauter Fachgelehrten zu thun zu haben, wenn das Urtheil όber ein Buch gesprochen wird: jetzt sehe ich dahinter.

[…]

Aller Verkehr unter Menschen beruht darauf, dass der eine in der Seele des andern lesen kann; und die gemeinsame Sprache ist der tönende Ausdruck einer gemeinsamen Seele. Je inniger und zarter jener Verkehr wird, um so reicher die Sprache; als welche mit jener allgemeinen Seele wächst oder — verkümmert. Sprechen ist im Grunde ein Fragen des Mitmenschen, ob er mit mir die gleiche Seele hat; die ältesten Sätze scheinen mir Fragesätze und im Accent vermuthe ich den Nachklang jenes ältesten Fragens der Seele an sich selbst, aber in einem andern Gehäuse. Erkennst du dich wieder? — dies Gefühl begleitet jeden Satz des Sprechenden; er macht den Versuch eines Monologs und Zwiegesprächs mit sich selbst. Je weniger er sich wieder erkennt, um so mehr verstummt er, und im erzwungenen Verstummen wird seine Seele ärmer und kleiner. Wenn man die Menschen nöthigen könnte, von jetzt ab zu schweigen: so könnte man sie zu Pferden und Seehunden und Kühen zurückbilden; denn diesen Wesen sieht man an, was es heisst, nicht sprechen können: nämlich so viel als eine dumpfe Seele zu haben.

Nun haben in der That viele Menschen und mitunter die Menschen ganzer Zeiträume etwas von Kühen an sich; ihre Seele liegt dumpf und lässig in sich. Sie mögen springen und grasen und sich anstieren, es ist nur ein elender Rest von Seele unter ihnen gemeinsam. Folglich muss ihre Sprache verarmt sein oder mechanisch werden. Denn es ist nicht wahr, dass die Noth die Sprache erzeuge, die Noth des Individuums; sondern höchstens die Noth einer ganzen Heerde, eines Stammes, aber damit diese als das Gemeinsame empfunden werde, muss schon die Seele weiter als das Individuum ist geworden sein, sie muss auf Reisen gehen, sich wieder finden wollen, sie muss erst sprechen wollen, bevor sie spricht; und dieser Wille ist nichts Individuelles. Dächte man sich ein mythologisches Urwesen, mit hundert Köpfen und Füssen und Händen, als die Form des Urmenschen: so würde es mit sich selbst reden; und erst als es merkte, dass es mit sich wie mit einem zweiten, dritten, ja hundertsten Wesen reden könne, liess es sich in seine Theile zerfallen, die einzelnen Menschen, weil es wusste, dass es nicht ganz seine Einheit verlieren könne: denn diese liegt nicht im Raume, wie die Vielheit dieser hundert Menschen; sondern wenn diese sprechen, fühlt sich das mythologische Ungeheuer wieder ganz und eins.

Und klingt denn wirklich das herrliche Tonwesen einer Sprache nach Noth, als der Mutter der Sprache? Ist nicht alles mit Lust und Üppigkeit geboren, frei und mit den Zeichen betrachtenden Tiefsinns? Was hat der affenartige Mensch mit unsern Sprachen zu thun! Ein Volk, welches sechs Casus hat und sein Verbum mit hundert Formen abbeugt, hat eine volle gemeinsame und überströmende Seele; und das Volk, welches eine solche Sprache sich schuf, hat die Fülle seiner Seele auf alle Nachwelt ausgegossen; in einer späteren Zeit werfen sich die gleichen Kräfte in die Form von Dichtern und Musikern und Schauspielern Rednern und Propheten; aber als diese Kräfte noch in der strotzenden Fülle der ersten Jugend waren, erzeugten sie Sprachenbildner: das waren die fruchtbarsten Menschen aller Zeiten, und sie zeichnete aus, was jene Musiker und Künstler zu allen Zeiten auszeichnet: ihre Seele war grösser, liebevoller, gemeinsamer und beinahe mehr in allen als in einem einzelnen dumpfen Winkel lebend. In ihnen sprach die allgemeine Seele mit sich.

Sind für einen zukünftigen Schriftsteller viele Sprachen von Nutzen? Oder überhaupt fremde Sprachen? Zumal für einen deutschen Schriftsteller? Die Griechen hiengen von sich ab und bemühten sich nicht um fremde Sprachen: wohl aber um die eigne. Bei uns umgekehrt: die deutschen Studien haben sich erst allmählich eingedrängt, und sie haben, wie sie getrieben werden, etwas Ausländisches und Gelehrtenhaftes an sich. Viel wird gethan, um lateinischen Stil zu lehren; aber im Deutschen lehrt man Geschichte der Sprache und Litteratur: und doch hat diese Geschichte nur als Mittel und Hülfe einer praktischen Übung Sinn. Deutsch in frühern Perioden lesen zu können ist nichts oder wenig. Aber viel ist, zu einem Urtheil über das Verkommene der gegenwärtigen Sprache zu gelangen und deshalb die Vergangenheit zu Hülfe zu nehmen. Der Wort- und Wendungen-Schatz, der jetzt jedermann zu Gebote steht, ist als verbraucht anzusehn und zu empfinden; wirklich ist die Sprache viel reicher als man nach diesem Schatze meinen sollte; ebenso ist die verschlungene Syntax verbraucht. Man muss also künstlerisch mit der Sprache verfahren, um dem Ekel zu entfliehen; etwa wie ich nicht mehr Mendelssohn’sche Wendungen aushalte; ich verlange nach einer kräftigeren und reizvolleren Sprache. Jetzt wird es freilich viel schwerer zu schreiben als es war; man muss sich seine Sprache machen. Dies ist kein äusserliches Begehren, als ob man eine Tracht satt hätte und nach einer neuen Mode begehrte. Denn ich erkenne in dem stumpfen Character unserer Sprache recht gut unser stumpfgewordnes Deutschthum, unsre verschwindende Individualität. Der Kampf hier und dort ist nur ein Sich-Bäumen gegen die Vernichtung des besseren und stärkeren Deutschthums, an das wir noch glauben. Eine Stillehre, die auf das Correcte und Conventionelle sähe, wäre das letzte, was wir brauchten: während es für die Andern kaum mehr nöthig ist, da sie unwillkürlich darin schon leben, ich meine im Zwange des Correcten und Conventionellen. Wer der deutschen Sprache noch eine Zukunft verheissen will, muss eine Strömung erzeugen gegen unser jetziges Deutsch. Man muss vieles Unglückliche und Gequälte in Kauf nehmen; die nächste Hauptsache ist, dass man sich anstrengt, dass man auf die Sprache Blut und Kraft wendet. Schön und hässlich sind Worte, die uns jetzt gar nichts angehen sollen, guten ‚Geschmack‘ kann es gar nicht geben. Tod aller Weichlichkeit, Bequemlichkeit.

Also: die Verarmung und Verblassung der Sprache ist ein Symptom der verkümmerten allgemeinen Seele in Deutschland; während die grosse Gleichmässigkeit in Wort und Wendung als das Gegentheil erscheinen könnte, als das Gegenstück der politischen Einheit, der Gewinn einer gemeinsamen Seele. Wenigstens könnte man sagen: es entsteht eine Einheit durch Zusammenschrumpfen und durch Erweiterung; die erste Art hätte man jetzt. Zum Beweis dass man die zweite nicht hat, dient es zu sehen, wie unsre grössten und reichsten Geister sich bei den Mitdeutschen gar nicht mehr verständlich machen können. Unwillkürlich werden sie Exilirte. Ebenso dient zum Beweise, was für Schriftsteller und Künstler der jetzigen allgemeinen Seele entsprechen und verstanden werden, z.B. so ein Strauss, Auerbach und dergleichen.

Wie kann man nur Stil und Darstellung so wichtig nehmen! Es kommt doch nur darauf an, dass man sich verständlich mache. — Zugegeben: aber das ist nichts Leichtes und etwas sehr Wichtiges. Man denke, <was für> ein complicirtes Wesen der Mensch ist: wie unendlich schwer für ihn, sich wirklich auszudrücken: Die meisten Menschen bleiben eben in sich kleben und können nicht heraus, das ist aber Sklaverei. Sprechen- und Schreibenlernen heisst freiwerden: zugegeben dass nicht immer das Beste dabei herauskommt; aber es ist gut, dass es sichtbar wird, dass es Wort und Farbe findet. Barbar ist einer, der sich nicht ausdrücken kann, der sklavenhaft plappert. — ‚Schöner Stil‘ freilich ist nichts als ein neuer Käfig, ein vergoldetes Barbarenthum.
Ich verlange von einem Buche Stimmung als Einheit und Maass; das bestimmt Wortwahl, Gleichniss-Art und -Zahl, Gang und Ende.“

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Nachgelassene Fragmente. 1874 37[4-8]

„Das Uebergewicht nämlich bei dem, was der Deutsche jetzt jeden Tag liest, liegt ohne Zweifel auf Seiten der Zeitungen nebst dazu gehörigen Zeitschriften: deren Deutsch prägt sich, in dem unaufhörlichen Tropfenfall gleicher Wendungen und gleicher Wörter, seinem Ohre ein, und da er meistens Stunden zu dieser Leserei benutzt, in denen sein ermüdeter Geist ohnehin zum Widerstehen nicht aufgelegt ist, so wird allmählich sein Sprachgehör in diesem Alltags-Deutsch heimisch und vermisst seine Abwesenheit nöthigenfalls mit Schmerz. Die Fabrikanten jener Zeitungen sind aber, ihrer ganzen Beschäftigung gemäss, am allerstärksten an den Schleim dieser Zeitungs-Sprache gewöhnt: sie haben im eigentlichsten Sinne allen Geschmack verloren, und ihre Zunge empfindet höchstens das ganz und gar Corrupte und Willkürliche mit einer Art von Vergnügen. Daraus erklärt sich das tutti unisono [alle im Einklang], mit welchem, trotz jener allgemeinen Erschlaffung und Erkrankung, in jeden neu erfundenen Sprachschnitzer sofort eingestimmt wird: man rächt sich mit solchen frechen Corruptionen an der Sprache wegen der unglaublichen Langeweile, die sie allmählich ihren Lohnarbeitern verursacht. Ich erinnere mich, einen Aufruf von Berthold Auerbach ‚an das deutsche Volk‘ gelesen zu haben, in dem jede Wendung undeutsch verschroben und erlogen war, und der als Ganzes einem seelenlosen Wörtermosaik mit internationaler Syntax glich; um von dem schamlosen Sudeldeutsch zu schweigen, mit dem Eduard Devrient das Andenken Mendelssohn’s feierte. Der Sprachfehler also — das ist das Merkwürdige — gilt unserem Philister nicht als anstössig, sondern als reizvolle Erquickung in der gras- und baumlosen Wüste des Alltags-Deutsches. Aber anstössig bleibt ihm das wahrhaft Produktive. Dem allermodernsten Muster-Schriftsteller wird seine gänzlich verdrehte, verstiegene oder zerfaserte Syntax, sein lächerlicher Neologismus nicht etwa nachgesehen, sondern als Verdienst, als Pikanterie angerechnet: aber wehe dem charaktervollen Stilisten, welcher der Alltags-Wendung eben so ernst und beharrlich aus dem Wege geht als den ‚in letzter Nacht ausgeheckten Monstra der Jetztzeit-Schreiberei‘, wie Schopenhauer sagt. Wenn das Platte, Ausgenutzte, Kraftlose, Gemeine als Regel, das Schlechte und Corrupte als reizvolle Ausnahme hingenommen wird, dann ist das Kräftige, Ungemeine und Schöne in Verruf: so dass sich in Deutschland fortwährend die Geschichte jenes wohlgebildeten Reisenden wiederholt, der in’s Land der Bucklichten kommt, dort überall wegen seiner angeblichen Ungestalt und seines Defektes an Rundung auf das schmählichste verhöhnt wird, bis endlich ein Priester sich seiner annimmt und dem Volke also zuredet: beklagt doch lieber den armen Fremden und bringt dankbaren Sinnes den Göttern ein Opfer, dass sie euch mit diesem stattlichen Fleischberg geschmückt haben.“

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Unzeitgemässe Betrachtungen. Erstes Stück: David Strauss der Bekenner und der Schriftsteller. 11.

„Was für eine Aufgabe hätte eine höhere Bildungsanstalt in diesem Punkte, wenn nicht gerade die, auktoritativ und mit würdiger Strenge die sprachlich verwilderten Jünglinge zurecht zu leiten und ihnen zuzurufen ‚Nehmt eure Sprache ernst! Wer es hier nicht zu dem Gefühl einer heiligen Pflicht bringt, in dem ist auch nicht einmal der Keim für eine höhere Bildung vorhanden. Hier kann sich zeigen, wie hoch oder wie gering ihr die Kunst schätzt und wie weit ihr verwandt mit der Kunst seid, hier in der Behandlung eurer Muttersprache. Erlangt ihr nicht so viel von euch, vor gewissen Worten und Wendungen unserer journalistischen Gewöhnung einen physischen Ekel zu empfinden, so gebt es nur auf, nach Bildung zu streben: denn hier, in der allernächsten Nähe, in jedem Augenblicke eures Sprechens und Schreibens habt ihr einen Prüfstein, wie schwer, wie ungeheuer jetzt die Aufgabe des Gebildeten ist und wie unwahrscheinlich es sein muß, daß Viele von euch zur rechten Bildung kommen.‘ — Im Sinne einer solchen Anrede hätte der deutsche Lehrer am Gymnasium die Verpflichtung, auf tausende von Einzelheiten seine Schüler aufmerksam zu machen und ihnen mit der ganzen Sicherheit eines guten Geschmacks den Gebrauch von solchen Worten geradezu zu verbieten wie z.B. von ‚beanspruchen‘, ‚vereinnahmen‘, ‚einer Sache Rechnung tragen‘, ‚die Initiative ergreifen‘, ‚selbstverständlich‘ — und so weiter cum taedio in infinitum [mit Überdruss ins Unendliche]. Derselbe Lehrer würde ferner an unseren klassischen Autoren von Zeile zu Zeile zeigen müssen, wie sorgsam und streng jede Wendung zu nehmen ist, wenn man das rechte Kunstgefühl im Herzen und die volle Verständlichkeit alles dessen, was man schreibt, vor Augen hat. Er wird immer und immer wieder seine Schüler nöthigen, denselben Gedanken noch einmal und noch besser auszudrücken und wird keine Grenze seiner Thätigkeit finden, bevor nicht die geringer Begabten in einen heiligen Schreck vor der Sprache, die Begabteren in eine edle Begeisterung für dieselbe gerathen sind. Nun, hier ist eine Aufgabe für die sogenannte formelle Bildung und eine der allerwerthvollsten: und was finden wir nun am Gymnasium, an der Stätte der sogenannten formellen Bildung? — Wer das, was er hier gefunden hat, unter die richtigen Rubriken zu bringen versteht, wird wissen, was er von dem jetzigen Gymnasium als einer angeblichen Bildungsanstalt zu halten hat: er wird nämlich finden, daß das Gymnasium nach seiner ursprünglichen Formation nicht für die Bildung, sondern nur für die Gelehrsamkeit erzieht und ferner, daß es neuerdings die Wendung nimmt, als ob es nicht einmal mehr für die Gelehrsamkeit, sondern für die Journalistik erziehn wolle. Dies ist an der Art, wie der deutsche Unterricht ertheilt wird, wie an einem recht zuverlässigen Beispiele zu zeigen. An Stelle jener rein praktischen Instruktion, durch die der Lehrer seine Schüler an eine strenge sprachliche Selbsterziehung gewöhnen sollte, finden wir überall die Ansätze zu einer gelehrt-historischen Behandlung der Muttersprache: d.h. man verfährt mit ihr als ob sie eine todte Sprache sei und als ob es für die Gegenwart und Zukunft dieser Sprache keine Verpflichtungen gäbe. Die historische Manier ist unserer Zeit bis zu dem Grade geläufig geworden, daß auch der lebendige Leib der Sprache ihren anatomischen Studien preisgegeben wird: hier aber beginnt gerade die Bildung, daß man versteht das Lebendige als lebendig zu behandeln, hier beginnt gerade die Aufgabe des Bildungslehrer’s, das überall her sich aufdrängende ‚historische Interesse‘ dort zu unterdrücken, wo vor allen Dingen richtig gehandelt, nicht erkannt werden muß. Unsere Muttersprache aber ist ein Gebiet, auf dem der Schüler richtig handeln lernen muß: und ganz allein nach dieser praktischen Seite hin ist der deutsche Unterricht auf unsern Bildungsanstalten nothwendig. Freilich scheint die historische Manier für den Lehrer bedeutend leichter und bequemer zu sein, ebenfalls scheint sie einer weit geringeren Anlage, überhaupt einem niedrigeren Fluge seines gesammten Wollens und Strebens zu entsprechen. Aber diese selbe Wahrnehmung werden wir auf allen Feldern der pädagogischen Wirklichkeit zu machen haben: das Leichtere und Bequemere hüllt sich in den Mantel prunkhafter Ansprüche und stolzer Titel: das eigentlich Praktische, das zur Bildung gehörige Handeln, als das im Grunde Schwerere erntet die Blicke der Mißgunst und Geringschätzung: weshalb der ehrliche Mensch auch dieses Quidproquo sich und Anderen zur Klarheit bringen muß.“

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Ueber die Zukunft unserer Bildungsanstalten. Vortrag II.

„Vollkommene Präcision im Ausdrucke kündigt eine höhere Verstandscultur an, als man den ersten Erfindern der Sprache zuschreiben kann. Der ungebildete Mensch theilt nicht bloß das mit, was der andere von einer Sache wissen soll, oder will, sondern auch was er selbst davon weiß. Daher giebts in den uncultivirten Sprachen eine Menge überflüssiger Bestimmungen, eine Menge Ausdrücke, die, der Verständlichkeit des Ganzen unbeschadet, weggelassen werden könnten.“

Johann Gottlieb Fichte: Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprunge der Sprache.

„Folgende Frage aber kann nicht geschenkt werden: wie der Zögling über den Nebel nicht von ihm geschaffener und deshalb nicht verstandener Worte, der nur den Geist, welcher ihm unbewusst in der Sprache umherwankt, keinesweges aber seinen eigenen, in ihm aufkommen lässt, – über diesen Nebel, der den grössten Theil selbst der angeblich gebildeten Menschen zeitlebens gefesselt hält, zur lebendigen Anschauung der Sache selbst gelangen solle?“

Johann Gottlieb Fichte: Aphorismen über Erziehung aus dem Jahre 1804. 2.

Der Umgang der unaufgeklärten Menschen mit Sprache ist so unaufgeklärt wie ihr Umgang mit dem Leben überhaupt. Sprache ist ihnen ein bloßes und sehr grobes Werkzeug, dessen Gebrauch sie kaum beherrschen und mit dem sie nichts tun, als sich und ihren Willen in simplen Alltagssituationen anderen mitzuteilen. Schon um ein Weniges komplexere Mitteilungen überfordern viele Menschen, und deshalb sind Debatten mit ihnen, worum es auch gehen mag, meist müßig: Sie schmeißen mit leeren Begriffen um sich und sie sind nicht in der Lage, selbst die allereinfachsten Äußerungen und Argumente in ihrer Bedeutung zu erfassen (und werden ungehalten, wenn man sie hierauf hinweist; aber ihre empörten Ausrufe, sie könnten zuhören oder lesen!, die darf man getrost ebenso behandeln wie den Ausruf, sie könnten denken!). Über die schlichte Mitteilung einer Information hinaus ist uns die Sprache nichts. Schon gar nicht, was sie Menschen wie Nietzsche oder Schiller noch war, eine Verpflichtung. Vorbei sind die Zeiten, da Menschen noch wirklich an ihrer Sprache arbeiteten, da sie wohl erwogen, wie sie zu sprechen hätten, da sie mehr wollten, als nur, im niedersten möglichen Sinne, verstanden zu werden.

Das Verhältnis zur Sprache ist, wie gesagt, ein unaufgeklärtes. Unaufgeklärt ist der Unmündige, der nicht selbst denkt und nach vernünftigen Prinzipien verfährt, sondern der sich von seiner Willkür leiten oder von Anderen vorgeben lässt, wie er zu denken und zu handeln hat. Gerade so geschieht es gewöhnlich in der Sprache: Die Menschen gebrauchen die Worte und Wendungen gerade so, wie sie ihnen eben just auf die Zunge purzeln. Und sie sprechen, wie man es um sie her tut und wie sie es von Anderen aufgeschnappt haben, ihre Formulierungen sind nachgeplapperte und fest zusammengefügte Klischees, ihre Vokabeln Wörter, deren Bedeutung sie blindlings zu kennen annehmen, über die und ihren eigentlichen Gehalt sie aber niemals reflektiert haben.

Wer, wie ich als Dichter, die deutsche Sprache liebt, dem muss das Schindluder, das mit ihr getrieben wird, schon aus ästhetischen Gründen Widerwillen erregen. Aber auch im Sinne der Aufklärung kann dies nicht sein: Wir denken, wie wir sprechen, und wir sprechen, wie wir denken. Wer nur schwammig und in Phrasen daherreden kann, dessen Verstand ist gewiss wirr und ungeordnet. Nur wer sich um klare Begriffe bemüht, nur wer nicht daherbrabbelt, sondern wirklich Etwas und nicht vielmehr Nichts denkt bei dem, was er sagt, nur der kann ein Aufgeklärter sein. Aber Wörter sind hilflose Geschöpfe, sie müssen hoffen, dass Jemand sich um das Erfassen ihrer Seele bemüht, doch sie können es nicht hindern, dass ein jeder sie benutzt, wie ihm der Sinn oder der Unsinn steht: Aufklärung ist das beste Beispiel: „Es ist zu bejammern, dass dieses herrliche Wort von allerlei losem und leichtfertigem Zeuge gemisbraucht worden.“ (Johann Gottlieb Fichte: Darstellung der Wissenschaftslehre. Aus dem Jahre 1801. Zweiter Teil. §. 33.) Die Obskuranten haben es ja vermocht, dieses Wort derart beharrlich für eine der Aufklärung ganz entgegengesetzte Sache zu gebrauchen, für die Ausklärung nämlich, dass aufgeklärt sein in etwa den Sinn bekam, ein gemäßigter und schlaffer liberaler und agnostischer Demokrat und Humanist zu sein, der Oberflächlichkeiten aneinanderreiht und im Zweifelsfalle damit verteidigt, es sei doch alles Meinungssache und man müsse da differenzieren, es sei nicht alles schwarz und weiß, und wie immer die Phrasen noch lauten – und mittlerweile hat man die Entweihung des Wortes Aufklärung so weit getrieben, dass schon jeder beliebige Nazi es Mut zum kritischen Denken heißen darf, rassistische Gemeinplätze zu grölen und den Klimawandel zu leugnen. Ich arbeite an meinem Sprechen, eine Arbeit, die nie vollendet sein wird, und ich möchte Wörter mit Bewusstsein aussprechen und nicht einfach missbrauchen, wie es das öffentliche Gebrabbel und Gestammel tut oder meiner Willkür beikommt. Wer aber unter einem Volk von Lallenden sauber spricht, den wird man zwangsläufig missverstehen. Daher veröffentliche ich hier dieses private Lexikon.

Sinn und Zweck dieses Bereichs meiner Webseite ist, zu erklären, welche Bedeutung bestimmte Wörter haben, wenn man sie an anderer Stelle bei mir liest oder hört. Ich erläutere hier, inwiefern diese ihre Bedeutung von der herkömmlichen abweicht, warum ich manche Wörter nicht oder an ihrer statt andere und treffendere oder auch weshalb ich manche ganz unbekannte oder ungewohnte Wörter gebrauche. So ein Wort sich in diesem Lexikon findet und ich es anderswo einmal ausspreche, so ist es dort, wenn aus dem Kontext nichts Anderes hervorgeht, nur unter der hier genannten Bedeutung zu verstehen, und aller Sinn, auch alle Konnotationen, die man gewöhnlich damit verbinden mag, sind während der Lektüre meiner Schriften oder dem Anhören meiner Vorträge zu vergessen. Und so es sich hier in diesem Lexikon nicht oder noch nicht findet, so wird man in den meisten Fällen am besten damit fahren, die von mir gebrauchten Ausdrücke ganz wörtlich zu nehmen. Das insbesondere wird schwerfallen; unsere Worte sind so hohl und erstarrt, sie sind uns solche „Selbstverständlichkeiten“, das wir nicht einmal daran zu denken gewohnt sind, dass es sich bei ihnen nicht um vom Himmel gefallene Lautverbindungen handelt, sondern dass mit ihnen einmal ein ganz wörtlicher Sinn verbunden war: oder wer dächte sich heute beiSelbstbewusstsein noch ein Bewusstsein seiner selbst oder bei Interesse ein inter esse, ein Dazwischen-Sein? Ich sehe vorher, dass Viele sich die Mühe nicht machen werden, meine Texte mit Bewusstsein zu lesen und die Worte darin nicht als altbekannte Hüllen zu nehmen, sondern sie wirklich zu be- und überdenken. Zu sehr widerspricht dies der Art, wie wir zu lesen gewohnt sind und auch in der Schule zu lesen gelernt haben: Wir wollen einen Autor rasch herunterlesen, uns von seinen Worten etwas kitzeln lassen und dann weiter unserem Tagwerk nachgehen, wobei wir alles verstanden zu haben meinen, denn es sind ja alle Menschen gleich, es gibt nur relative Meinungen und der soeben gelesene Autor ist ja auch um kein Stück besser denn wir! Diese ganze Haltung mag auch angehen, wenn man mit ihr einem unserer heutigen Schreiberlinge und Dünkelinge entgegentritt. Aber ein wahrhafter Denker, ein Philosoph, den zu lesen ist echte Arbeit, man muss einen solchen erst einmal kennen lernen, muss sich lange und über viele seiner Schriften hinweg mit ihm beschäftigen, sich auf ihn einlassen, sein Denken durchdringen, seine Sprache lernen, begreifen, was ihm die Ausdrücke sind, derer er sich bedient, was sie ihm sind – kurz, man darf also nicht hastig, man darf nicht überheblich, man darf nicht schon ausgebildet, man darf also gar kein Mensch von heute sein.

Obwohl dies Lexikon in erster Linie meine eigenen sprachlichen Idiosynkrasien erhellt und dazu dient, mich verständlich zu machen, darf es doch zugleich als eine Einladung begriffen werden: einmal, auch so zu sprechen, wie ich es tue, da man einsieht, dass es so vernünftiger ist, darüber hinaus, auch hierin selbst zu denken und, unabhängig von mir, die eigene Sprache kritisch und tätig zu gestalten – von einem Solchen könnte dann wiederum auch ich noch lernen, wenn er vielleicht eine sprachliche Ungenauigkeit entdeckte, die mir bisher entgangen und folglich auch noch unterlaufen wäre.

Gedünkel

Viele Menschen denken nicht, sie dünkeln nur. Was sie ihr Denken nennen, das ist ein undifferenzierter Mischmasch aus wilden Vorstellungen, denen es an echter Anschauung fehlt, Vorurteilen, so unhinterfragt, dass sie nicht einmal als solche erkannt, sondern schlicht als Selbstverständlichkeiten behandelt werden, gesetzloser Einbildungskraft, die wilde Sprünge macht, geleitet von unbewusster Assoziation, und Fetzen von blind angewandten oberflächlichen Kenntnissen, hier oder dort einmal aufgeschnappt, die kein organisches Ganzes bilden, ja einander oft genug widersprechen, auch ohne Konsequenz für Leben und Handeln bleiben. Dieses Dünkeln ist nicht geleitet von Vernunft, sondern von der Natur, d. h. Neigung und Trieb lenken es und bestimmen allzu oft seine Ergebnisse. Die Frucht des Dünkelns ist nicht Wahrheit, sondern Meinung.
Was der Denker in seinem Verstande bewegt und entwickelt, das sind Gedanken. Der Dünkler hat keine Gedanken, was er dafür hält – sind lediglich Gedünkel.
Diese meine Wortschöpfung beginnt mit der im Deutschen häufigen Vorsilbe Ge-. Vor ein Nomen gestellt kann sie ein Kollektivum bezeichnen: Anders als der Plural drückt dies nicht aus, dass es sich um eine Menge von Einzelgegenständen handelt, von denen doch jeder für sich von den anderen abgegrenzt ist, sondern hier verlieren die Teile gerade ihre Eigenständigkeit, sie werden zu einer größeren Einheit zusammengefasst, in der sie aufgehen und die somit ihrerseits wiederum ein Einzelnes ist. So ist ein Gebirge eine Formation von mehreren Bergen, ein Gehölz besteht aus mehreren Hölzern (d. i. Bäumen), so wie ein Gebüsch aus mehreren Büschen besteht oder das Geäst eines Baumes die Summe all seiner einzelnen Äste umfasst, das Getier ist ein Haufen aus allerlei unbestimmten Tieren und die Gebeine eines Menschen sind all seine Knochen, d. h. sein Skelett (Bein ist ursprünglich der Knochen, weshalb das Wort auch noch in den Namen mehrerer Knochen vorkommt, etwa dem des Schlüssel- oder des Nasenbeins, es entstammt derselben Wurzel wie das englische bone). Das Wort Gedanke fasst also mehrere einzelne intellektuelle Vorgänge, mehrere Denken, zu Einem zusammen. (Die Sprache ist hier also weit reflektierter, als der Alltagsmensch es ist, der sich bei einem Gedanken nicht viel denkt, der vielmehr tut, als handelte es sich da um einen isolierbaren und in sich wiederum geschlossenen einfachen Gegenstand, ein geistiges Atom gewissermaßen, und der vergisst, dass selbst Atome sich noch spalten lassen. Auch die Psychologie hat wenig getan, je genauer zu untersuchen, was eigentlich ein Gedanke ist, wenigstens wenn man hierunter die anerkannte Schulpsychologie versteht und große Psychologen wie etwa Nietzsche ausnimmt. Es weiß daher für gewöhnlich höchstens der Philosoph – nicht der Philosophologe; an keiner Universität lernt man heute derlei –, dass ein Gedanke, weit entfernt davon, etwas Einfaches und Unteilbares zu sein, als Kollektivum ganz richtig bezeichnet ist, dass da Anschauungen, Begriffe, Urteile und Schlüsse, auch Affekte zusammenkommen.) Im gleichen Sinne möchte ich den Gedünkel, diesen Pseudogedanken, verstanden wissen: als etwas einfach erscheinendes, in Wahrheit Hochkomplexes und aus vielen Dünkeln Zusammengesetztes.

Menschenschaft

Die Menschheit, das ist dem gemeinen Deutschen heute nicht mehr als die Summe aller Menschen. Die Endung -heit scheint jedoch ihrer germanischen Wurzel nach eher so etwas wie die Art oder das Wesen zu bezeichnen. Sie drückt eine Qualität aus, statt eine Gruppe zu umfassen. Schließlich ist die Schönheit nicht die Menge alles Schönen in der Welt, sondern die Schönheit beispielsweise einer Rose ist eben gerade das Schöne an dieser. Ebenso verhält es sich mit der Wahrheit: Nicht alles Wahre überhaupt ist hiermit gemeint, sondern wenn in einem Satze Wahrheit liegt, so ist er eben wahr. Auch die Weisheit, die Bosheit, die Trunkenheit sind Eigenschaften, die einem einzelnen Menschen zukommen können und eben das sind, was ihn weise, boshaft oder trunken macht. Am deutlichsten erkennen, was Menschheit bedeutet, kann vielleicht, wer an das parallele Wort Tierheit denkt. Niemandem käme wohl in den Sinn, anzunehmen, es sollte hiermit die Gesamtheit aller Tiere umfasst werden, vielmehr ist unmittelbar klar, dass Tierheit eine Qualität bezeichnet, eben das Tierische, sodass man von Einem, der alles Denken auf- und sich ganz dem blinden Sinnengenuss hingegeben hätte, urteilen könnte: „Er ist zur Tierheit herabgesunken – weil er nämlich auf seine Menschheit Verzicht getan hat.“ (Die entsprechende Endung im Lateinischen ist -tas, woraus im Deutschen -tät wie in Qualität (von qualitas) geworden ist, sodass Tierheit und Menschheit bildungssprachlich mit Bestialität und Humanität wiedergegeben werden könnten, wenn nicht im Wort Bestie heute stets etwas von besonderer Wildheit und Grausamkeit mitschwingen und wenn nicht Humanität allzu leicht an eine mildtätige Menschenfreundlichkeit denken lassen würde (anstelle des ersteren dieser beiden Worte mag die weniger verfängliche Animalität treten).)

Meine Menschheit ist also das eigentlich Menschliche an mir, das, was mich, darüber hinaus, dass ich Hände oder Augen habe, dass ich Lust oder Schmerz fühle, dass ich gehen und Geräusche von mir geben kann – was ich doch alles mit dem Tiere teile – zum Menschen macht. Es handelt sich um einen höchst erhabenen Begriff, auf dem alle Moral gegründet ist und den man, wenn man ihn bei Kant oder Fichte liest, nur mit tiefer Ehrfurcht hören kann: Meine Menschheit verleiht mir die Vernunft. Die Wenigsten erheben sich je zur Menschheit, indem sie den Mut ausbilden, wirklich vernünftig zu sein, anstatt Sklaven einer launenhaften Natur. Die Würde der Menschheit (nicht etwa des Menschen, der als solcher, als rein biologisches Wesen, das frisst, fickt und stirbt, nicht mehr Würde hat als irgendeine Laus) habe ich zu achten, sowohl in meiner Person als auch in der jedes anderen: Alle Unsittlichkeit, ob nun der Betrug, ob die Vergewaltigung, ob der Mord, besteht darin, dass ich jemandes Menschheit missachte und ihn als bloßes Ding handhabe. Viele mögen sich selbst missachten und dieserart als Ding behandeln, und insofern sie dies tun, handeln sie ebenfalls unmoralisch und sind übrigens ohne alle Würde. Aber auch Jener Menschheit habe ich zu achten; es wird hier deutlich, warum manche sich so schwertun, den Verbrecher zu achten, warum sie nach Hinrichtung oder Folter, nach aller Art von Rache schreien und ihm das Menschsein ganz absprechen können und warum es den Vertretern einer weichlichen Menschlichkeit so schwerfällt, sie hiervon abzubringen: Jene gegen den Verbrecher Wetternden haben von ihrer Seite her ganz recht, er ist wahrlich kein Mensch und er ist, als der, der er ist, als Verbrecher, wirklich keiner Achtung wert, und keine Vernunft könnte angeben, was daran gelegen sein soll, dass er, wie er ist, weiterlebe – aber nicht ihn soll ich achten, sondern die Menschheit in ihm, und wenn ich sein Leben schonen, wenn ich ihn nicht demütigen oder foltern soll, so nicht um dessen willen, was er ist – dieses ist in der Tat ohne allen Wert und verdiente das Leben nicht –, sondern um dessentwillen, was er sein kann und wozu selbst der Verworfenste sich vielleicht noch zu erheben vermag, weshalb wir verpflichtet bleiben, ihm mit Achtung zu begegnen und an seiner Besserung zu arbeiten.

Es ist nun deutlich, weshalb der Begriff der Menschheit gänzlich ausgestorben und heute die Sache selbst nicht einmal bekannt ist, während man mit dem Wort etwas ganz anderes und höchst Banales bezeichnet: Derlei geschieht nie zufällig, denn die Worte spiegeln das Denken einer Nation, und in diesem Falle offenbart sich hier das Zeitalter der Ausklärung in all seiner Plattheit: Es kennt eben nichts Geistiges und Erhabenes, nichts jenseits der empirischen Oberfläche Liegendes, es kennt keine Menschheit und deshalb auch keine höhere Moral. Es ist bezeichnend, dass es statt von der Menschheit gerne von der Menschlichkeit redet, ein weit schlafferer und breiig-unbestimmter Begriff: Die Menschlichkeit ist ebenfalls, was mich zum Menschen macht, aber viel mehr im kreatürlichen Sinne als im Verstande eines Vernunftwesens, sie bezeichnet viel mehr meine Emotionen als meine Vernunft. Und auch in der Menschlichkeit schwingt etwas Moralisches mit, aber etwas sehr Gefühlsduseliges, etwas von Erbarmen und Mitleid, das also zugleich insgeheim sehr selbstgerecht als auch nicht wahrhaft moralisch, nicht auf Vernunft Gegründetes und eine Pflicht Gebietendes ist: Manche Gutmütigen würden gegen den oben genannten Verbrecher Menschlichkeit fordern; begründen könnten sie das gegen Jene nicht, die zurecht nicht einsehen, warum sie mit solch einem Verbrecher mitleiden sollten, und gegen ihn selbst wären sie höchst unsittlich, denn in ihrer Menschlichkeit belassen sie ihn, wie er ist, anstatt in ihm das zu achten und zu fördern, was er zu sein vermöchte. Eine große Denkerin wie Arendt hatte guten Grund, sich dagegen auszusprechen, dass man den Straftatbestand des crime against humanity (ein höchst dreideutiger Begriff) mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit übersetzt: „–as though the Nazis had simply been lacking in human kindness, certainly the understatement of the century.“ („– als hätten es die Nazis lediglich an ‚Menschlichkeit‘ fehlen lassen, als sie Millionen in die Gaskammern schickten, wahrhaftig das Understatement des Jahrhunderts.“ Johanna Arendt: Eichmann in Jerusalem. Epilog. Und im Vorbeigehen gefragt, was sollte man sich überhaupt unter einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorzustellen haben? Äußersten Falles könnte das Verbrechen doch in einem Mangel an Menschlichkeit bestehen, aber es würde darob doch nicht gegen die Menschlichkeit verübt, diese, die kein Subjekt ist, wäre nicht das Opfer des Verbrechens. Ein Verbrechen gegen die Menschheit hingegen, das ist etwas mögliches.) So sah es freilich ein Eichmann: der sein eigentliches Verbrechen nie als solches bekannte, sich aber empörte, wenn er von einzelnen Wachen hörte, die Juden misshandelt hatten, als sie sie in die Züge in die KZs steckten, da er an Mord offenbar nichts Falsches sah, aber wollte, dass dabei alles anständig und menschlich zuging. Die Nazis hätten die Juden aber nicht menschlich behandeln, sie hätten sie nicht ein wenig schonen oder ihnen ein paar Brotkrumen aus Mitleid zuwerfen sollen; menschlich kann man auch gegen das Tier sein (und war es manch gänzlich unsittlicher Nazi gegen dieses). Nein, sie hätten sie als Menschen, d. i. sie hätten ihre Menschheit achten sollen.

Hier könnte nun noch jemand fragen, wie er denn, wenn das Wort Menschheit künftig für Das reserviert sein soll, was es eigentlich bezeichnet und was keinen anderen Namen hat noch duldet, fortan das bezeichnen soll, was heute gemeinhin Menschheit genannt wird. Aber dies ist keine große Schwierigkeit, der Möglichkeiten gibt es viele: Er kann von Menschen schlechtweg reden. Was nimmt es Wendungen wie „Menschheitsgeschichte“ oder „Der Klimawandel ist die größte Bedrohung, der sich die Menschheit je gegenüber sah“, wenn ich stattdessen „Menschengeschichte“ oder „Der Klimawandel ist die größte Bedrohung, der sich der Mensch je gegenüber sah“ sage? Wir könnten auch dazu übergehen, wieder das schöne Wort Menschengeschlecht zu gebrauchen, das im Zeitalter der Aufklärung in Gebrauch war und das dem englischen humankind am nächsten kommt. Ich meinesteils möchte das Wort Menschenschaft in Vorschlag bringen: Die Endung -schaft nämlich dient viel eher als die Endung -heit dazu, Gruppen zu bezeichnen (wenn dies auch nicht ihre ausschließliche Funktion ist): So ist unter meiner Verwandtschaft die Summe all meiner Verwandten zu verstehen (noch Luther verwendet auch das Wort Freundschaft in analoger Weise), eine Mannschaft ist eine Gruppe von Männern, ich kann von der Lehrerschaft oder der Schülerschaft einer Schule sprechen, wenn ich alle dortigen Lehrer oder Schüler umfassen will, usw. Auch Wissenschaft wurde einst in diesem Sinne gebraucht, ein Mann von großer Wissenschaft, das bezeichnete ehemals jemanden, der viel Wissen besaß, also den, den man heute einen Gebildeten nennen würde. (In anderen Fällen bezeichnen Schaften heute eher abstrakte Institutionen und gemeine Wesen, hatten aber ursprünglich ebenfalls die Bedeutung eines Kollektivs, so die Gesellschaft, die Burschenschaft, die Bruderschaft, die einmal ganz unmittelbar eine Ansammlung von Gesellen, Burschen oder Brüdern meinten.) Die Menschenschaft, das wäre demnach das ganze Gewimmel und Gewusel an Menschen, das diesen Planeten bevölkert, also gerade, was man heute irrtümlich als Menschheit tituliert.

Menschheit

Die Menschheit, das ist dem gemeinen Deutschen heute nicht mehr als die Summe aller Menschen. Die Endung -heit scheint jedoch ihrer germanischen Wurzel nach eher so etwas wie die Art oder das Wesen zu bezeichnen. Sie drückt eine Qualität aus, statt eine Gruppe zu umfassen. Schließlich ist die Schönheit nicht die Menge alles Schönen in der Welt, sondern die Schönheit beispielsweise einer Rose ist eben gerade das Schöne an dieser. Ebenso verhält es sich mit der Wahrheit: Nicht alles Wahre überhaupt ist hiermit gemeint, sondern wenn in einem Satze Wahrheit liegt, so ist er eben wahr. Auch die Weisheit, die Bosheit, die Trunkenheit sind Eigenschaften, die einem einzelnen Menschen zukommen können und eben das sind, was ihn weise, boshaft oder trunken macht. Am deutlichsten erkennen, was Menschheit bedeutet, kann vielleicht, wer an das parallele Wort Tierheit denkt. Niemandem käme wohl in den Sinn, anzunehmen, es sollte hiermit die Gesamtheit aller Tiere umfasst werden, vielmehr ist unmittelbar klar, dass Tierheit eine Qualität bezeichnet, eben das Tierische, sodass man von Einem, der alles Denken auf- und sich ganz dem blinden Sinnengenuss hingegeben hätte, urteilen könnte: „Er ist zur Tierheit herabgesunken – weil er nämlich auf seine Menschheit Verzicht getan hat.“ (Die entsprechende Endung im Lateinischen ist -tas, woraus im Deutschen -tät wie in Qualität (von qualitas) geworden ist, sodass Tierheit und Menschheit bildungssprachlich mit Bestialität und Humanität wiedergegeben werden könnten, wenn nicht im Wort Bestie heute stets etwas von besonderer Wildheit und Grausamkeit mitschwingen und wenn nicht Humanität allzu leicht an eine mildtätige Menschenfreundlichkeit denken lassen würde (anstelle des ersteren dieser beiden Worte mag die weniger verfängliche Animalität treten).)

Meine Menschheit ist also das eigentlich Menschliche an mir, das, was mich, darüber hinaus, dass ich Hände oder Augen habe, dass ich Lust oder Schmerz fühle, dass ich gehen und Geräusche von mir geben kann – was ich doch alles mit dem Tiere teile – zum Menschen macht. Es handelt sich um einen höchst erhabenen Begriff, auf dem alle Moral gegründet ist und den man, wenn man ihn bei Kant oder Fichte liest, nur mit tiefer Ehrfurcht hören kann: Meine Menschheit verleiht mir die Vernunft. Die Wenigsten erheben sich je zur Menschheit, indem sie den Mut ausbilden, wirklich vernünftig zu sein, anstatt Sklaven einer launenhaften Natur. Die Würde der Menschheit (nicht etwa des Menschen, der als solcher, als rein biologisches Wesen, das frisst, fickt und stirbt, nicht mehr Würde hat als irgendeine Laus) habe ich zu achten, sowohl in meiner Person als auch in der jedes anderen: Alle Unsittlichkeit, ob nun der Betrug, ob die Vergewaltigung, ob der Mord, besteht darin, dass ich jemandes Menschheit missachte und ihn als bloßes Ding handhabe. Viele mögen sich selbst missachten und dieserart als Ding behandeln, und insofern sie dies tun, handeln sie ebenfalls unmoralisch und sind übrigens ohne alle Würde. Aber auch Jener Menschheit habe ich zu achten; es wird hier deutlich, warum manche sich so schwertun, den Verbrecher zu achten, warum sie nach Hinrichtung oder Folter, nach aller Art von Rache schreien und ihm das Menschsein ganz absprechen können und warum es den Vertretern einer weichlichen Menschlichkeit so schwerfällt, sie hiervon abzubringen: Jene gegen den Verbrecher Wetternden haben von ihrer Seite her ganz recht, er ist wahrlich kein Mensch und er ist, als der, der er ist, als Verbrecher, wirklich keiner Achtung wert, und keine Vernunft könnte angeben, was daran gelegen sein soll, dass er, wie er ist, weiterlebe – aber nicht ihn soll ich achten, sondern die Menschheit in ihm, und wenn ich sein Leben schonen, wenn ich ihn nicht demütigen oder foltern soll, so nicht um dessen willen, was er ist – dieses ist in der Tat ohne allen Wert und verdiente das Leben nicht –, sondern um dessentwillen, was er sein kann und wozu selbst der Verworfenste sich vielleicht noch zu erheben vermag, weshalb wir verpflichtet bleiben, ihm mit Achtung zu begegnen und an seiner Besserung zu arbeiten.

Es ist nun deutlich, weshalb der Begriff der Menschheit gänzlich ausgestorben und heute die Sache selbst nicht einmal bekannt ist, während man mit dem Wort etwas ganz anderes und höchst Banales bezeichnet: Derlei geschieht nie zufällig, denn die Worte spiegeln das Denken einer Nation, und in diesem Falle offenbart sich hier das Zeitalter der Ausklärung in all seiner Plattheit: Es kennt eben nichts Geistiges und Erhabenes, nichts jenseits der empirischen Oberfläche Liegendes, es kennt keine Menschheit und deshalb auch keine höhere Moral. Es ist bezeichnend, dass es statt von der Menschheit gerne von der Menschlichkeit redet, ein weit schlafferer und breiig-unbestimmter Begriff: Die Menschlichkeit ist ebenfalls, was mich zum Menschen macht, aber viel mehr im kreatürlichen Sinne als im Verstande eines Vernunftwesens, sie bezeichnet viel mehr meine Emotionen als meine Vernunft. Und auch in der Menschlichkeit schwingt etwas Moralisches mit, aber etwas sehr Gefühlsduseliges, etwas von Erbarmen und Mitleid, das also zugleich insgeheim sehr selbstgerecht als auch nicht wahrhaft moralisch, nicht auf Vernunft Gegründetes und eine Pflicht Gebietendes ist: Manche Gutmütigen würden gegen den oben genannten Verbrecher Menschlichkeit fordern; begründen könnten sie das gegen Jene nicht, die zurecht nicht einsehen, warum sie mit solch einem Verbrecher mitleiden sollten, und gegen ihn selbst wären sie höchst unsittlich, denn in ihrer Menschlichkeit belassen sie ihn, wie er ist, anstatt in ihm das zu achten und zu fördern, was er zu sein vermöchte. Eine große Denkerin wie Arendt hatte guten Grund, sich dagegen auszusprechen, dass man den Straftatbestand des crime against humanity (ein höchst dreideutiger Begriff) mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit übersetzt: „–as though the Nazis had simply been lacking in human kindness, certainly the understatement of the century.“ („– als hätten es die Nazis lediglich an ‚Menschlichkeit‘ fehlen lassen, als sie Millionen in die Gaskammern schickten, wahrhaftig das Understatement des Jahrhunderts.“ Johanna Arendt: Eichmann in Jerusalem. Epilog. Und im Vorbeigehen gefragt, was sollte man sich überhaupt unter einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorzustellen haben? Äußersten Falles könnte das Verbrechen doch in einem Mangel an Menschlichkeit bestehen, aber es würde darob doch nicht gegen die Menschlichkeit verübt, diese, die kein Subjekt ist, wäre nicht das Opfer des Verbrechens. Ein Verbrechen gegen die Menschheit hingegen, das ist etwas mögliches.) So sah es freilich ein Eichmann: der sein eigentliches Verbrechen nie als solches bekannte, sich aber empörte, wenn er von einzelnen Wachen hörte, die Juden misshandelt hatten, als sie sie in die Züge in die KZs steckten, da er an Mord offenbar nichts Falsches sah, aber wollte, dass dabei alles anständig und menschlich zuging. Die Nazis hätten die Juden aber nicht menschlich behandeln, sie hätten sie nicht ein wenig schonen oder ihnen ein paar Brotkrumen aus Mitleid zuwerfen sollen; menschlich kann man auch gegen das Tier sein (und war es manch gänzlich unsittlicher Nazi gegen dieses). Nein, sie hätten sie als Menschen, d. i. sie hätten ihre Menschheit achten sollen.

Hier könnte nun noch jemand fragen, wie er denn, wenn das Wort Menschheit künftig für Das reserviert sein soll, was es eigentlich bezeichnet und was keinen anderen Namen hat noch duldet, fortan das bezeichnen soll, was heute gemeinhin Menschheit genannt wird. Aber dies ist keine große Schwierigkeit, der Möglichkeiten gibt es viele: Er kann von Menschen schlechtweg reden. Was nimmt es Wendungen wie „Menschheitsgeschichte“ oder „Der Klimawandel ist die größte Bedrohung, der sich die Menschheit je gegenüber sah“, wenn ich stattdessen „Menschengeschichte“ oder „Der Klimawandel ist die größte Bedrohung, der sich der Mensch je gegenüber sah“ sage? Wir könnten auch dazu übergehen, wieder das schöne Wort Menschengeschlecht zu gebrauchen, das im Zeitalter der Aufklärung in Gebrauch war und das dem englischen humankind am nächsten kommt. Ich meinesteils möchte das Wort Menschenschaft in Vorschlag bringen: Die Endung -schaft nämlich dient viel eher als die Endung -heit dazu, Gruppen zu bezeichnen (wenn dies auch nicht ihre ausschließliche Funktion ist): So ist unter meiner Verwandtschaft die Summe all meiner Verwandten zu verstehen (noch Luther verwendet auch das Wort Freundschaft in analoger Weise), eine Mannschaft ist eine Gruppe von Männern, ich kann von der Lehrerschaft oder der Schülerschaft einer Schule sprechen, wenn ich alle dortigen Lehrer oder Schüler umfassen will, usw. Auch Wissenschaft wurde einst in diesem Sinne gebraucht, ein Mann von großer Wissenschaft, das bezeichnete ehemals jemanden, der viel Wissen besaß, also den, den man heute einen Gebildeten nennen würde. (In anderen Fällen bezeichnen Schaften heute eher abstrakte Institutionen und gemeine Wesen, hatten aber ursprünglich ebenfalls die Bedeutung eines Kollektivs, so die Gesellschaft, die Burschenschaft, die Bruderschaft, die einmal ganz unmittelbar eine Ansammlung von Gesellen, Burschen oder Brüdern meinten.) Die Menschenschaft, das wäre demnach das ganze Gewimmel und Gewusel an Menschen, das diesen Planeten bevölkert, also gerade, was man heute irrtümlich als Menschheit tituliert.

Menschlichkeit

Die Menschheit, das ist dem gemeinen Deutschen heute nicht mehr als die Summe aller Menschen. Die Endung -heit scheint jedoch ihrer germanischen Wurzel nach eher so etwas wie die Art oder das Wesen zu bezeichnen. Sie drückt eine Qualität aus, statt eine Gruppe zu umfassen. Schließlich ist die Schönheit nicht die Menge alles Schönen in der Welt, sondern die Schönheit beispielsweise einer Rose ist eben gerade das Schöne an dieser. Ebenso verhält es sich mit der Wahrheit: Nicht alles Wahre überhaupt ist hiermit gemeint, sondern wenn in einem Satze Wahrheit liegt, so ist er eben wahr. Auch die Weisheit, die Bosheit, die Trunkenheit sind Eigenschaften, die einem einzelnen Menschen zukommen können und eben das sind, was ihn weise, boshaft oder trunken macht. Am deutlichsten erkennen, was Menschheit bedeutet, kann vielleicht, wer an das parallele Wort Tierheit denkt. Niemandem käme wohl in den Sinn, anzunehmen, es sollte hiermit die Gesamtheit aller Tiere umfasst werden, vielmehr ist unmittelbar klar, dass Tierheit eine Qualität bezeichnet, eben das Tierische, sodass man von Einem, der alles Denken auf- und sich ganz dem blinden Sinnengenuss hingegeben hätte, urteilen könnte: „Er ist zur Tierheit herabgesunken – weil er nämlich auf seine Menschheit Verzicht getan hat.“ (Die entsprechende Endung im Lateinischen ist -tas, woraus im Deutschen -tät wie in Qualität (von qualitas) geworden ist, sodass Tierheit und Menschheit bildungssprachlich mit Bestialität und Humanität wiedergegeben werden könnten, wenn nicht im Wort Bestie heute stets etwas von besonderer Wildheit und Grausamkeit mitschwingen und wenn nicht Humanität allzu leicht an eine mildtätige Menschenfreundlichkeit denken lassen würde (anstelle des ersteren dieser beiden Worte mag die weniger verfängliche Animalität treten).)

Meine Menschheit ist also das eigentlich Menschliche an mir, das, was mich, darüber hinaus, dass ich Hände oder Augen habe, dass ich Lust oder Schmerz fühle, dass ich gehen und Geräusche von mir geben kann – was ich doch alles mit dem Tiere teile – zum Menschen macht. Es handelt sich um einen höchst erhabenen Begriff, auf dem alle Moral gegründet ist und den man, wenn man ihn bei Kant oder Fichte liest, nur mit tiefer Ehrfurcht hören kann: Meine Menschheit verleiht mir die Vernunft. Die Wenigsten erheben sich je zur Menschheit, indem sie den Mut ausbilden, wirklich vernünftig zu sein, anstatt Sklaven einer launenhaften Natur. Die Würde der Menschheit (nicht etwa des Menschen, der als solcher, als rein biologisches Wesen, das frisst, fickt und stirbt, nicht mehr Würde hat als irgendeine Laus) habe ich zu achten, sowohl in meiner Person als auch in der jedes anderen: Alle Unsittlichkeit, ob nun der Betrug, ob die Vergewaltigung, ob der Mord, besteht darin, dass ich jemandes Menschheit missachte und ihn als bloßes Ding handhabe. Viele mögen sich selbst missachten und dieserart als Ding behandeln, und insofern sie dies tun, handeln sie ebenfalls unmoralisch und sind übrigens ohne alle Würde. Aber auch Jener Menschheit habe ich zu achten; es wird hier deutlich, warum manche sich so schwertun, den Verbrecher zu achten, warum sie nach Hinrichtung oder Folter, nach aller Art von Rache schreien und ihm das Menschsein ganz absprechen können und warum es den Vertretern einer weichlichen Menschlichkeit so schwerfällt, sie hiervon abzubringen: Jene gegen den Verbrecher Wetternden haben von ihrer Seite her ganz recht, er ist wahrlich kein Mensch und er ist, als der, der er ist, als Verbrecher, wirklich keiner Achtung wert, und keine Vernunft könnte angeben, was daran gelegen sein soll, dass er, wie er ist, weiterlebe – aber nicht ihn soll ich achten, sondern die Menschheit in ihm, und wenn ich sein Leben schonen, wenn ich ihn nicht demütigen oder foltern soll, so nicht um dessen willen, was er ist – dieses ist in der Tat ohne allen Wert und verdiente das Leben nicht –, sondern um dessentwillen, was er sein kann und wozu selbst der Verworfenste sich vielleicht noch zu erheben vermag, weshalb wir verpflichtet bleiben, ihm mit Achtung zu begegnen und an seiner Besserung zu arbeiten.

Es ist nun deutlich, weshalb der Begriff der Menschheit gänzlich ausgestorben und heute die Sache selbst nicht einmal bekannt ist, während man mit dem Wort etwas ganz anderes und höchst Banales bezeichnet: Derlei geschieht nie zufällig, denn die Worte spiegeln das Denken einer Nation, und in diesem Falle offenbart sich hier das Zeitalter der Ausklärung in all seiner Plattheit: Es kennt eben nichts Geistiges und Erhabenes, nichts jenseits der empirischen Oberfläche Liegendes, es kennt keine Menschheit und deshalb auch keine höhere Moral. Es ist bezeichnend, dass es statt von der Menschheit gerne von der Menschlichkeit redet, ein weit schlafferer und breiig-unbestimmter Begriff: Die Menschlichkeit ist ebenfalls, was mich zum Menschen macht, aber viel mehr im kreatürlichen Sinne als im Verstande eines Vernunftwesens, sie bezeichnet viel mehr meine Emotionen als meine Vernunft. Und auch in der Menschlichkeit schwingt etwas Moralisches mit, aber etwas sehr Gefühlsduseliges, etwas von Erbarmen und Mitleid, das also zugleich insgeheim sehr selbstgerecht als auch nicht wahrhaft moralisch, nicht auf Vernunft Gegründetes und eine Pflicht Gebietendes ist: Manche Gutmütigen würden gegen den oben genannten Verbrecher Menschlichkeit fordern; begründen könnten sie das gegen Jene nicht, die zurecht nicht einsehen, warum sie mit solch einem Verbrecher mitleiden sollten, und gegen ihn selbst wären sie höchst unsittlich, denn in ihrer Menschlichkeit belassen sie ihn, wie er ist, anstatt in ihm das zu achten und zu fördern, was er zu sein vermöchte. Eine große Denkerin wie Arendt hatte guten Grund, sich dagegen auszusprechen, dass man den Straftatbestand des crime against humanity (ein höchst dreideutiger Begriff) mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit übersetzt: „–as though the Nazis had simply been lacking in human kindness, certainly the understatement of the century.“ („– als hätten es die Nazis lediglich an ‚Menschlichkeit‘ fehlen lassen, als sie Millionen in die Gaskammern schickten, wahrhaftig das Understatement des Jahrhunderts.“ Johanna Arendt: Eichmann in Jerusalem. Epilog. Und im Vorbeigehen gefragt, was sollte man sich überhaupt unter einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorzustellen haben? Äußersten Falles könnte das Verbrechen doch in einem Mangel an Menschlichkeit bestehen, aber es würde darob doch nicht gegen die Menschlichkeit verübt, diese, die kein Subjekt ist, wäre nicht das Opfer des Verbrechens. Ein Verbrechen gegen die Menschheit hingegen, das ist etwas mögliches.) So sah es freilich ein Eichmann: der sein eigentliches Verbrechen nie als solches bekannte, sich aber empörte, wenn er von einzelnen Wachen hörte, die Juden misshandelt hatten, als sie sie in die Züge in die KZs steckten, da er an Mord offenbar nichts Falsches sah, aber wollte, dass dabei alles anständig und menschlich zuging. Die Nazis hätten die Juden aber nicht menschlich behandeln, sie hätten sie nicht ein wenig schonen oder ihnen ein paar Brotkrumen aus Mitleid zuwerfen sollen; menschlich kann man auch gegen das Tier sein (und war es manch gänzlich unsittlicher Nazi gegen dieses). Nein, sie hätten sie als Menschen, d. i. sie hätten ihre Menschheit achten sollen.

Hier könnte nun noch jemand fragen, wie er denn, wenn das Wort Menschheit künftig für Das reserviert sein soll, was es eigentlich bezeichnet und was keinen anderen Namen hat noch duldet, fortan das bezeichnen soll, was heute gemeinhin Menschheit genannt wird. Aber dies ist keine große Schwierigkeit, der Möglichkeiten gibt es viele: Er kann von Menschen schlechtweg reden. Was nimmt es Wendungen wie „Menschheitsgeschichte“ oder „Der Klimawandel ist die größte Bedrohung, der sich die Menschheit je gegenüber sah“, wenn ich stattdessen „Menschengeschichte“ oder „Der Klimawandel ist die größte Bedrohung, der sich der Mensch je gegenüber sah“ sage? Wir könnten auch dazu übergehen, wieder das schöne Wort Menschengeschlecht zu gebrauchen, das im Zeitalter der Aufklärung in Gebrauch war und das dem englischen humankind am nächsten kommt. Ich meinesteils möchte das Wort Menschenschaft in Vorschlag bringen: Die Endung -schaft nämlich dient viel eher als die Endung -heit dazu, Gruppen zu bezeichnen (wenn dies auch nicht ihre ausschließliche Funktion ist): So ist unter meiner Verwandtschaft die Summe all meiner Verwandten zu verstehen (noch Luther verwendet auch das Wort Freundschaft in analoger Weise), eine Mannschaft ist eine Gruppe von Männern, ich kann von der Lehrerschaft oder der Schülerschaft einer Schule sprechen, wenn ich alle dortigen Lehrer oder Schüler umfassen will, usw. Auch Wissenschaft wurde einst in diesem Sinne gebraucht, ein Mann von großer Wissenschaft, das bezeichnete ehemals jemanden, der viel Wissen besaß, also den, den man heute einen Gebildeten nennen würde. (In anderen Fällen bezeichnen Schaften heute eher abstrakte Institutionen und gemeine Wesen, hatten aber ursprünglich ebenfalls die Bedeutung eines Kollektivs, so die Gesellschaft, die Burschenschaft, die Bruderschaft, die einmal ganz unmittelbar eine Ansammlung von Gesellen, Burschen oder Brüdern meinten.) Die Menschenschaft, das wäre demnach das ganze Gewimmel und Gewusel an Menschen, das diesen Planeten bevölkert, also gerade, was man heute irrtümlich als Menschheit tituliert.

Negativ

In der Alltagssprache ist positiv heute so viel wie das Gute, negativ das Schlechte. Richtiger wohl wäre es aber, diese beiden Ausdrücke mit „vorhanden“ und „nicht vorhanden“ zu übersetzen, sie ein bisschen zu verstehen wie das Türkische var und yok. Positiv leitet sich nämlich vom lateinischen ponere her, was setzen, stellen oder legen bedeutet, das Positive ist also eigentlich das Gesetzte oder Gegebene. Man denke an die Position, ein Wort, welches ja keine Wertung im Sinne von gut oder schlecht ausdrückt, sondern einen Standort bezeichnet, den Punkt also, an den jemand oder etwas gesetzt – d. i. positioniert – wurde.

Auf diese Weise, nicht im alltäglichen Sinne von gut, wird das Wort positiv in der Fachsprache nach wie vor vielfach gebraucht: So mag es alles andere als etwas Gutes bedeuten, HIV-positiv zu sein, es ist aber insofern positiv, als der Virus eben im Körper vorhanden ist. In ganz demselben Sinne kann ein Schwangerschaftstest positiv oder negativ ausfallen, unabhängig ob nun im fraglichen Falle das Vorhandensein oder gerade das Nichtvorhandensein einer Schwangerschaft für gut oder für schlecht genommen wird.

Und in diesem Sinne hat man denn diese beiden Begriffe auch in der Philosophie zu nehmen. Etwa bezeichnet Positivismus eine Haltung, die keineswegs sonderlich gut, die vielmehr in höchstem Grade unaufgeklärt und verächtlich ist, für die es nur das je Gegebene gibt und die dieses unhinterfragt hinnimmt: So lehnt ein theoretischer Positivismus jede Metaphysik ab und akzeptiert nur das in der Erfahrung Gegebene, ohne zu fragen, wer es denn gegeben haben soll oder wie die Erfahrung zustandekommt; der Rechtspositivismus erklärt das positive, d. i. das gerade gegebene Recht stets für das gültige und lehnt die Frage ab, ob dieses selbst Recht oder Unrecht ist; Machtpositivismus wäre es, sich immer der gerade herrschenden Macht zu unterwerfen und diese niemals auf ihre Legitimität hin zu prüfen; der moralische Positivist nimmt jene Moralvorstellungen hin, die er eben gerade vorfindet, sie mögen lauten, wie sie wollen; die positive Religion schließlich ist, unabhängig von der Frage, ob sie eine gute oder eine schlechte ist, jede, etwa durch eine Offenbarung, gegebene, und religiöser Positivismus wäre es, irgendwelche Dogmen oder heiligen Texte, wie sie eben sind, für wahr zu nehmen und nicht zu fragen, ob sie mit der Vernunftreligion in Einklang stehen.

Auch in anderen Zusammenhängen als in dem des Positivismus mögen die Begriffe positiv und negativ Anwendung finden. Beispielsweise wäre „Frieden ist die Abwesenheit von Krieg“ eine negative Definition von Frieden, womit nicht ausgedrückt werden soll, dass es sich um eine schlechte, sondern dass es sich um eine Definition handelt, die Frieden dadurch erklärt, was er nicht ist; positiv definieren könnte man ihn hingegen z. E. dadurch, dass man sagte: „Frieden ist der Zustand der gelebten Achtung.“ Auch wenn ich zwischen positiver und negativer Aufklärung unterscheide, ist dies zunächst keine Wertung: Ich nenne negative Aufklärung die, die darin besteht, sich von fremder Leitung freizumachen und die Fußschellen der Unmündigkeit abzuwerfen, positive hingegen die Selbstleitung, das Lernen selbstständigen Laufens.

Positiv(ismus)

In der Alltagssprache ist positiv heute so viel wie das Gute, negativ das Schlechte. Richtiger wohl wäre es aber, diese beiden Ausdrücke mit „vorhanden“ und „nicht vorhanden“ zu übersetzen, sie ein bisschen zu verstehen wie das Türkische var und yok. Positiv leitet sich nämlich vom lateinischen ponere her, was setzen, stellen oder legen bedeutet, das Positive ist also eigentlich das Gesetzte oder Gegebene. Man denke an die Position, ein Wort, welches ja keine Wertung im Sinne von gut oder schlecht ausdrückt, sondern einen Standort bezeichnet, den Punkt also, an den jemand oder etwas gesetzt – d. i. positioniert – wurde.

Auf diese Weise, nicht im alltäglichen Sinne von gut, wird das Wort positiv in der Fachsprache nach wie vor vielfach gebraucht: So mag es alles andere als etwas Gutes bedeuten, HIV-positiv zu sein, es ist aber insofern positiv, als der Virus eben im Körper vorhanden ist. In ganz demselben Sinne kann ein Schwangerschaftstest positiv oder negativ ausfallen, unabhängig ob nun im fraglichen Falle das Vorhandensein oder gerade das Nichtvorhandensein einer Schwangerschaft für gut oder für schlecht genommen wird.

Und in diesem Sinne hat man denn diese beiden Begriffe auch in der Philosophie zu nehmen. Etwa bezeichnet Positivismus eine Haltung, die keineswegs sonderlich gut, die vielmehr in höchstem Grade unaufgeklärt und verächtlich ist, für die es nur das je Gegebene gibt und die dieses unhinterfragt hinnimmt: So lehnt ein theoretischer Positivismus jede Metaphysik ab und akzeptiert nur das in der Erfahrung Gegebene, ohne zu fragen, wer es denn gegeben haben soll oder wie die Erfahrung zustandekommt; der Rechtspositivismus erklärt das positive, d. i. das gerade gegebene Recht stets für das gültige und lehnt die Frage ab, ob dieses selbst Recht oder Unrecht ist; Machtpositivismus wäre es, sich immer der gerade herrschenden Macht zu unterwerfen und diese niemals auf ihre Legitimität hin zu prüfen; der moralische Positivist nimmt jene Moralvorstellungen hin, die er eben gerade vorfindet, sie mögen lauten, wie sie wollen; die positive Religion schließlich ist, unabhängig von der Frage, ob sie eine gute oder eine schlechte ist, jede, etwa durch eine Offenbarung, gegebene, und religiöser Positivismus wäre es, irgendwelche Dogmen oder heiligen Texte, wie sie eben sind, für wahr zu nehmen und nicht zu fragen, ob sie mit der Vernunftreligion in Einklang stehen.

Auch in anderen Zusammenhängen als in dem des Positivismus mögen die Begriffe positiv und negativ Anwendung finden. Beispielsweise wäre „Frieden ist die Abwesenheit von Krieg“ eine negative Definition von Frieden, womit nicht ausgedrückt werden soll, dass es sich um eine schlechte, sondern dass es sich um eine Definition handelt, die Frieden dadurch erklärt, was er nicht ist; positiv definieren könnte man ihn hingegen z. E. dadurch, dass man sagte: „Frieden ist der Zustand der gelebten Achtung.“ Auch wenn ich zwischen positiver und negativer Aufklärung unterscheide, ist dies zunächst keine Wertung: Ich nenne negative Aufklärung die, die darin besteht, sich von fremder Leitung freizumachen und die Fußschellen der Unmündigkeit abzuwerfen, positive hingegen die Selbstleitung, das Lernen selbstständigen Laufens.

Selbstbewusstsein

Schlimm steht es um das Sprachvermögen und das Denken der Menschen, denen man dieses Wort erklären muss, besagt es doch selbst, was es meint: Selbstbewusst ist, wer sich seiner selbst bewusst ist. Wen der gemeine Sprachgebrauch selbstbewusst nennt, der ist meist höchst selbstunbewusst, der geht mit blindem Eigendünkel durchs Leben, der handelt, ohne viel nachzudenken und der verschwendet auch keinen Gedanken daran, wer er selbst, welches sein Wert und sein Beruf ist und was er kann und was nicht. Offenbar macht man die Bedeutung des Wortes allein an seinem ersten Bestandteil fest, am Selbst; Bewusstsein scheint dem gemeinen Sprecher des Deutschen – und wie die Menschen das ihre zu gebrauchen oder vielmehr zu missbrauchen pflegen, spricht dafür – ein Bollwerk gegen die Außenwelt zu sein, dass Bewusstsein ein Reflektieren bedeutet, davon weiß man nichts, selbstbewusst soll gerade der von allem jenseits seines Selbst unberührbare sein. Wie nur kann man gerade die Blindheit mit dem Namen des Sehens belegen?

Höchst kurios fand ich schon immer, seit ich überhaupt darauf reflektierte, dass im Deutschen und im Englischen das Wort Selbstbewusstsein gleichermaßen, aber dabei auf ganz unterschiedliche, ja entgegengesetzte Weise falsch gebraucht wird. Was der gemeine Deutsche selbstbewusst nennt, würde der Sprecher des Englischen nicht so, sondern vielmehr als (self-)confident bezeichnen, was wörtlich eher an sich selbst glaubend, weniger wörtlich sich selbst vertrauend hieße. Self-conscious hingegen, was ganz wörtlich selbstbewusst bedeutet, ist gerade nicht der, den der Deutsche als selbstbewusst bezeichnen würde, sondern dessen Gegenteil: ein besonders Unsicherer, Befangener und Verschüchterter. (Dem Angelsachsen scheint Selbstbewusstsein also nur zu bedeuten, dass jemand sich seiner Mängel und seines Ungenügens, in anderen Worten: seiner Kleinheit und Beschränktheit bewusst ist. Dies ist von einem bestimmten Standpunkt aus durchaus treffend: Das empirische Ich ist klein und mangelhaft, es steht einer um ein Unendliches größeren und gewaltigeren Welt gegenüber und ist dieser hilflos ausgeliefert; Ursache zur confidence, also zum Selbstbewusstsein im Sinne des gemeinen Deutschen, hat es eigentlich nur, wenn es sich seiner gerade nicht bewusst wird, umso mehr sein Bewusstsein seiner selbst hingegen zunimmt, umso mehr muss es sich ängstlich zusammenkauern und jede Tat fürchten. Nun ist der Standpunkt, von dem aus dieses gilt, selbst ein sehr beschränkter – um davon zu schweigen, dass er zugleich ein widersprüchlicher ist, denn damit sich das Ich in seiner Kleinheit erkennen kann, muss es zugleich doch groß genug sein, die ganze Welt zu umfassen und sich mit ihr zu vergleichen. Aber es ist der Standpunkt des unaufgeklärten empirischen Menschen, der sich zu einem höheren Ich nie erhoben hat. Und über diesen Standpunkt ist das angelsächsische Denken nie hinausgekommen – man bedenke, dass man es hier mit einem Volk zu tun hat, das es nicht notwendig für etwas sehr Übles und Verwerfliches hält, thoughtless, d. i. gedankenlos zu sein, sondern das hierin einen im Grunde recht erstrebenswerten Zustand, nämlich Sorglosigkeit oder Unbekümmertheit sieht: dem Gedanken also Sorgen und Kümmernisse sind.)

Selbstbewusstsein ist ein philosophischer Fachbegriff; der gemeine Mensch, der nie danach gefragt hat, was eigentlich Bewusstsein ist, und der übrigens ein Selbstbewusstsein im echten Sinne auch nicht hat, sollte dieses Wort am besten gar nicht gebrauchen und hat auch im Alltag niemals Ursache, dies zu tun. Dafür aber, es falsch zu gebrauchen, wie dies gewöhnlich geschieht, gibt es keinerlei Entschuldigung, denn anders als im Fall manch anderen philosophischen Fachbegriffes ist dieser kein Fremdwort, auch kein seinen Ursprung nicht sogleich offenbarendes, sondern ein seine Bedeutung im Namen tragendes Wort: Wer es falsch gebraucht, erweist sich als Sprachpositivist [siehe unter Positiv(ismus)], der Wörter nicht nach ihrem Sinn befragt, sondern gerade so benutzt, wie sie ihm eben unterkommen, und er erweist sich damit als gedankenlos – versteht sich, im unzweideutigen deutschen Sinne.

Und sollte jemand fragen, welches Wort er denn stattdessen nehmen solle, um jene zu bezeichnen, die er bisher selbstbewusst genannt hat: Die deutsche Sprache gibt dir eine genügende Auswahl für alle denkbaren Situationen: selbstsicher etwa, dünkelhaft, anmaßend, selbstgewiss, selbstvertrauend… Ich selbst würde als neues und in vielen Fällen treffendes Wort vorschlagen: selbstblind.