Tagebuch der Unaufgeklärtheit

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„Das sind die, denen Gott versiegelt hat ihr Herz, ihr Gehör und ihr Augenlicht. Und sie sind die Achtlosen.“

Koran 16:108

„‚So will ich ihnen vom Verächtlichsten sprechen: das aber ist der letzte Mensch.‘

Und also sprach Zarathustra zum Volke:

Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze.

Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können.

Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren!

Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.

Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.

Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.

‚Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?‘ — so fragt der letzte Mensch und blinzelt.

Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.

‚Wir haben das Glück erfunden‘ — sagen die letzten Menschen und blinzeln.

Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.

Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!

Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.

Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, dass die Unterhaltung nicht angreife.

Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.

Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in’s Irrenhaus.

‚Ehemals war alle Welt irre‘ — sagen die Feinsten und blinzeln.

Man ist klug und weiss Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald — sonst verdirbt es den Magen.

Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.

‚Wir haben das Glück erfunden‘ — sagen die letzten Menschen und blinzeln. —“

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Zarathustra’s Vorrede. 5.

Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?

Alle Wesen bisher schufen Etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser grossen Fluth sein und lieber noch zum Thiere zurückgehn, als den Menschen überwinden?

Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.

Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe.“

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Zarathustra’s Vorrede. 3.

Die Unaufgeklärtheit ist allgegenwärtig. Man kann kaum einen Einkauf machen und kaum eine Busfahrt unternehmen, kurz man kann kaum überhaupt unter Menschen gehen, ohne sie zu bemerken. Und wem nicht tagtäglich Unaufgeklärtes auffällt, der darf sicher sein, dass er selbst noch ganz im Finstern lebt. Ich bin daher schon vor einiger Zeit auf den Gedanken verfallen, einige der Unaufgeklärtheiten, die sich um mich her abspielen, zu sammeln, sie, wie in einem Tagebuch, niederzuschreiben und hier künftig in unregelmäßigen Abständen zu präsentieren. Damit bezwecke ich zweierlei:

Zum einen muss ich damit rechnen, dass in einem Zeitalter, das den Riesen, der spricht „ich bin groß“, für arroganter hält als den Zwerg, der spricht „ich mag ein Zwerg sein, aber alle anderen sind es auch und wer sich für größer hält als mich, der muss vermessen sein!“ – ich muss damit rechnen, dass in einem solchen Zeitalter mancher naserümpfend über mich absprechen wird: „seht nur, was für ein unbescheidener Flegel, er spricht aller Welt das Denken ab und meint, er allein könnte denken!“ Nun, gesetzt jemand träte vor das Publikum und behauptete eben dies – er könnte recht haben und seine Behauptung wäre zu prüfen und nicht sogleich abzuweisen: unternähe jemand solch eine Prüfung, wäre schon dies selbst der sicherste Beweis seines Irrtums, wohingegen umgekehrt der Unwille und die Unfähigkeit, eine unerhörte und, zugestanden, auch ungern gehörte, weil den Eigendünkel angreifende, Behauptung auch nur unvoreingenommen zu prüfen, belegen würde, dass es wirklich nicht weit her wäre mit dem Denken der so Verfahrenden. Aber ich bin dieser Jemand nicht, der meint, nur er könnte denken und wäre aufgeklärt. Es gibt da durchaus noch Andere auf Erden als mich. Wer sich freilich durch meine Worte über die Unaufgeklärtheit angesprochen fühlt und sich nicht unter diese Anderen Aufgeklärten rechnet, wer sich daher über mein Reden echauffiert – nun, der mag recht haben, und wer wäre ich, ihm zu widersprechen, wo er sich selbst doch sicher am besten kennt? Was ich über die Unmündigen sage, das betrifft, wann immer ich nicht ausdrücklich von einem bestimmten Menschen, sondern im Allgemeinen spreche, alle und keinen: Ein jeder mag selbst urteilen, ob das, was ich sage, gerade auf ihn zutrifft; tut es das, hat er keinen Grund zur Klage, tut es das nicht, so hat er umso weniger Grund. Und er sei versichert, dass niemand mehr wünscht als ich selbst, es träfe am Ende auf gar niemanden zu. Aber zurück zu diesem Tagebuch der Unaufgeklärtheit: Jene also, die mir vorwerfen wollen, ich redete die Menschen so schlecht, die Mehrheit sei sehr wohl aufgeklärt, jene kann ich künftig auf diese Sammlung alltäglicher Unaufgeklärtheiten verweisen. (Ich bin indes nicht so unbedarft, zu glauben, dass ich gerade jene damit zum Schweigen bringen könnte, die sich ja nicht empören, weil ich Falsches sage, sondern gerade, weil sie die Wahrheit meiner Worte verspüren und weil sie ihre eigene Schlechtigkeit durch mich ans Licht gebracht finden.)

Zum zweiten und mehr noch soll dieses Tagebuch der Unaufgeklärtheit aber nicht bloß ein Beleg meiner Behauptungen sein, auf den ich zu meiner Verteidigung verweisen kann. Es soll aktiv zur Aufklärung des Publikums beitragen. Es soll den Blick schärfen für die vielen kleinen Unaufgeklärtheiten des Alltags – an anderen, vor allem aber an einem selbst. Es soll aufzeigen, was ein wichtiger, aber von Allen, denen Aufklärung nur ein theoretisches Abstraktum ist, stets übergangener Gesichtspunkt ist: Wie unselig das Leben der Unmündigen ist, wie sie sich selbst (und anderen um sich her) ohne Unterlass das Leben ganz unnötig schwer machen. Und es soll schließlich die Aufklärung besser kennen und verstehen lehren, freilich nicht direkt, sondern eben indirekt durch die Vorstellung ihres Gegenteils und das Aufzeigen dessen, was sie gerade nicht ist. Dazu gehört insbesondere, dass ich auf diese Weise die irrige Meinung zerstreuen will, Aufklärung beträfe nur einige wenige große und vom übrigen Leben abgegrenzte Fragen, etwa Religionsdinge; ich will zeigen, wie die aufgeklärte oder die unaufgeklärte Haltung in jeder Lebenssituation wirksam sind und wie banal die Unmündigkeit sich gemeinhin im Alltag äußert.

Ein Wort noch zu meinem Auswahlkriterium: Ich werde Unaufgeklärtheiten hier immer mal wieder niederschreiben, wie sie mir eben begegnen und wie es meine anderen Arbeiten erlauben. Eine besondere Ausrichtung auf bestimmte Themen soll es dabei nicht geben; falls, wie geschehen könnte, überdurchschnittlich oft der Umgang von Eltern oder Erziehern mit Kindern zur Sprache kommen sollte, wie ich ihn etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln erlebe, so wird dies nicht mit Absicht geschehen: Es ist bloß so, dass die Menschen ihre eigene Unaufgeklärtheit besonders häufig und besonders schamlos an ihren Kindern ausleben und sich diesen gegenüber, die wehrloser sind und denen sie sich überlegen wähnen, weniger zurückhalten als gegenüber anderen Erwachsenen: Ich kann nur über Unaufgeklärtheiten sprechen, wie sie mir eben unterkommen, nun sind aber viele Menschen in der Öffentlichkeit ruhig, starren in der U-Bahn etwa ins Leere oder auf ihr Smartphone etc., und ich müsste sie erst privat erleben, mit ihnen bekannt oder verwandt sein, um mehr von ihrer Unaufgeklärtheit zu sehen zu bekommen, wohingegen es sich anders verhält, wenn sie gerade Kinder dabei haben, von denen sie genervt sein und mit denen sie schimpfen können. Eine gewisse Zensur führe ich aber doch durch. Einmal will ich nicht jede Kleinigkeit hier notieren: Gewiss könnte ich jedes Mal einen Artikel verfassen, wenn ich auf der Straße eine Frau mit Schminke im Gesicht oder hohen Absätzen unter den Sohlen, wenn ich jemanden keuchend und schwitzend durch die Gegend joggen oder wenn ich irgendeinen Menschen aus einer Plastikflasche trinken sehe – aber wenn ich derart minutiös vorginge, wann käme ich da je zur Ruhe? Sodann möchte ich hier möglichst eindeutige, möglichst unstrittige Fälle besprechen: Freilich ist, wenn sich jemand über die Flüchtlinge oder den Kapitalismus aufregt, wenn einer beim Sprechen gendert oder Rücksicht für seine Befindlichkeiten einfordert, derjenige zutiefst unaufgeklärt, und jeder Unbefangene wird dies wahrnehmen und zugeben. Aber es ist nicht jeder unbefangen, und spräche ich diese Dinge an, gäbe dies eine Debatte über Flüchtlinge und Kapitalismus, übers Gendern und über die Befindlichkeiten und meine Rücksichtslosigkeit diesen gegenüber – nicht aber über Aufklärung. Ja, mancher würde umgekehrt mir vorwerfen, unaufgeklärt zu sein, weil man zwar gar nicht weiß, was das ist, Aufklärung, aber doch zumindest sicher weiß, dass es jedem fehlen muss, der einem widerspricht. (Mancher wird gar soweit gehen, einzig aufgrund dieser paar Beispiele oder auch nur eines einzigen in dieser Liste sich mit dem Dünkel abzuwenden, ich sei also doch nur ein Ideologe der feindlichen Seite, und alles bei mir zu Lernende in den Wind zu schlagen – und glücklich!, wenn ich Jene so leicht loswerden sollte.) In diesem Bereich will ich nur von Vorfällen sprechen, über die es keine zwei Meinungen geben kann, sondern von denen jeder Außenstehende urteilen muss: „Ja, da hat sich der Beschriebene dämlich und daneben benommen und wohl gar noch selbst geschadet, so sollte sich niemand verhalten und so will auch ich selbst auf keinen Fall sein!“ – wobei ich weiß, dass es selbst noch bei diesen von mir gewählten Beispielen genug Verstockte geben wird, die mir widersprechen und sich auf die Seite der beschriebenen Unaufgeklärten schlagen werden.