Vorurteile

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„Das Vorurtheil ist recht für den Menschen gemacht, es thut der Bequemlichkeit und der Eigenliebe Vorschub, zweien Eigenschaften, die man nicht ohne die Menschheit ablegt.“

Immanuel Kant: Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte und Beurtheilung der Beweise, deren sich Herr von Leibniz und andere Mechaniker in dieser Streitfrage bedient haben, nebst einigen vorhergehenden Betrachtungen, welche die Kraft der Körper überhaupt betreffen, durch Immanuel Kant. Vorrede. IV.

„Auf die mehresten Antworten, die man auf diese Fragen gegeben hat und noch täglich giebt, haben Erfahrungsgrundsätze, das heisst hier, im allgemeinsten Sinne des Wortes, deutlich gedachte, oder unbemerkt unserem Urtheile zu Grunde liegende Sätze, die wir auf das blosse Zeugniss der Sinne, ohne sie auf die ersten Grundsätze alles Wahren zurückzuführen, angenommen haben – solche Erfahrungsgrundsätze, sage ich, haben auf die Beantwortung der obigen Fragen auf zweierlei Art einen Einfluss, nemlich theilswillkürlich, theils unwillkürlich und mit Bewusstseyn.

Ohne unser Bewusstseyn haben Erfahrungsgrundsätze auf das Urtheil, das wir fällen, einen Einfluss, weil wir sie nicht für Erfahrungsgrundsätze, nicht für Sätze halten, die wir auf Treu und Glauben unserer Sinne angenommen haben, sondern für reingeistige, ewig wahre Grundsätze. – Auf das Ansehen unserer Väter oder Lehrer nehmen wir ohne Beweis Sätze für Grundsätze auf, die es nicht sind, und deren Wahrheit von der Möglichkeit ihrer Ableitung von noch höheren Grundsätzen abhängt. Wir treten in die Welt, und finden in allen Menschen, mit denen wir bekannt werden, unsere Grundsätze wieder, weil auch sie dieselben auf ihrer Eltern und Lehrer Ansehen angenommen haben. Niemand macht uns durch einen Widerspruch aufmerksam auf unseren Mangel an Ueberzeugung, und auf das Bedürfniss, sie noch einmal zu untersuchen. Unser Glaube an das Ansehen unserer Lehrer wird durch den Glauben an die allgemeine Uebereinstimmung ergänzt. Wir finden sie allenthalben in der Erfahrung bestätigt; eben aus dem Grunde, weil jeder sie für ein allgemeines Gesetz hält, und seine Handlungen darnach einrichtet. Wir selbst legen sie unseren Handlungen und unseren Urtheilen zum Grunde, bei jeder neuen Anwendung werden sie inniger mit unserem Ich vereint, und verweben sich endlich so mit demselben, dass sie nicht anders, als mit ihm zugleich zu vertilgen sind.

Dies ist der Ursprung des allgemeinen Meinungssystems der Völker, dessen Resultate man uns gewöhnlich für Aussprüche des gesunden Menschenverstandes giebt, welcher gesunde Menschenverstand aber ebensowohl seine Moden hat, als unsere Fracks oder unsere Frisuren. – Wir hielten vor zwanzig Jahren unausgepresste Gurken für ungesund, und halten heut zu Tage ausgepresste für ungesund, aus eben den Gründen, aus welchen bis jetzt noch die meisten unter uns meinen: ein Mensch könne Herr eines anderen Menschen seyn – ein Bürger könne durch die Geburt auf Vorzüge vor seinen Mitbürgern ein Recht bekommen – ein Fürst sey bestimmt seine Unterthanen glücklich zu machen.

Versucht es nur – ich fordere euch alle auf, die ihr Kantische Gründlichkeit mit Sokratischer Popularität vereinigt,– versucht es, einem ungebildeten Besitzer von Leibeigenen den ersten, oder einem ungebildeten Altadeligen den zweiten Satz zu entreissen; treibt ihn durch Fragen, durch kinderleichte Fragen in die Enge: er sieht eure Vordersätze ein, er giebt sie euch alle mit voller Ueberzeugung zu – ihr zieht jetzt den gefürchteten Schluss, und ihr erschreckt, wie der vorher so hellsehende Mann auf einmal so ganz blind ist, den greiflichen Zusammenhang eurer Folgerung mit dem Vordersatze nicht greifen kann. Euere Folgerung ist auch wirklich wider seinen gesunden Menschenverstand.

Solche Sätze nun – untersucht, ob sie an sich richtig oder unrichtig sind, d.i. ob sie sich von den Grundsätzen, unter denen sie stehen, ableiten lassen, oder ihnen widersprechen – solche Sätze sind wenigstens für den, der sie auf die Autorität seiner Lehrer, seiner Mitbürger und seiner Erfahrung angenommen hat, blosse Erfahrungsgrundsätze, und alle Urtheile, denen er sie zum Grunde legt, sind Urtheile aus der Erfahrung. Ich werde, im Verlauf dieser Untersuchung, mehrere politische Vorurtheile dieser Art – Vorurtheile wenigstens für den, der sie nicht nachher untersucht hat – anführen und ihre Richtigkeit prüfen.

Dies ist eben der unbemerkte Einfluss der Sinnlichkeit, des Werkzeugs der Erfahrung, bei der vorliegenden Beurtheilung auf unseren Verstand. Einen ebenso unbemerkten und ebenso mächtigen hat sie bei dieser Untersuchung auf unseren Willen, und dadurch auf unser Urtheil, vermittelst des dunkeln Gefühles unseres Interesse.

Von dem Hange unserer Neigung hängt, und besonders bei der Frage vom Rechte, sehr oft unser Urtheil ab. Ungerechtigkeiten, die uns widerfahren, scheinen uns viel härter, als ebendieselben, wenn sie einem anderen widerfahren. Ja, die Neigung verfälscht unser Urtheil öfters in einem noch weit höheren Grade. Bemüht, die Ansprüche unseres Eigennutzes anderen und endlich auch uns selbst unter einer ehrwürdigen Maske vorzustellen, machen wir sie zu rechtlichen Ansprüchen und schreien über Ungerechtigkeit, oft, wenn man nichts weiter thut, als uns verhindert, selbst ungerecht zu seyn. Glaubt dann ja nicht, dass wir euch täuschen wollen; wir waren selbst längst vor euch getäuscht. Wir selbst glauben in vollem Ernste an die Rechtmässigkeit unserer Ansprüche; wir machen an euch nicht den ersten Versuch, euch zu belügen; wir haben längst vor euch uns selbst belogen.

[…]

Aus den angezeigten Grundsätzen also denken wir die vorliegende Frage zu beantworten? Aus Sätzen, die wir auf Treu und Glauben aufgenommen haben? Wenn nun aber diese Sätze selbst falsch wären; so würde ja dadurch unsere auf sie gegründete Antwort nothwendig auch unrichtig. – Diejenigen, nach deren Ansehen wir unser Meinungssystem bildeten, nahmen sie freilich für wahr an. Aber wie, wenn sie irrten? Unser Volk und unser Zeitalter nimmt sie freilich mit uns für wahr an. Aber wissen wir denn nicht – wir, die wir so viele Thatsachen wissen – wissen wir denn nicht, dass in Konstantinopel gerade das allgemein für wahr anerkannt wird, was man in Rom allgemein für falsch anerkennt? – Dass vor etlichen hundert Jahren in Wittenberg und Genf allgemein für richtig gehalten wurde, was man jetzt ebendaselbst eben so allgemein für einen verderblichen Irrthum hält? Wenn wir unter andere Nationen oder in ein anderes Zeitalter versetzt würden, wollten wir auch alsdann unsere jetzigen Grundsätze, die dann der allgemeinen Denkungsart widersprechen würden, diesem unserem Probesteine der Wahrheit zuwider, beibehalten; oder sollte dann für uns nicht mehr wahr seyn, was bis jetzt uns wahr gewesen ist? Richtet unsere Wahrheit sich nach Zeiten und Umständen?

Was für eine Antwort suchten wir denn eigentlich? Eine solche, welche nur für unser Zeitalter, nur für die Menschen gelte, die in ihren Meinungen mit uns übereinstimmen? – Dann hätten wir uns der Mühe der Untersuchung überheben können; sie werden ohne uns sich die Frage gerade so beantworten, wie wir. – Oder wollten wir eine solche, die für alle Zeiten und Völker, die für alles gelte, was Mensch ist? Dann müssen wir sie auf allgemeingültige Grundsätze bauen.

[…]

Bis auf die ursprüngliche Form unseres Geistes muss die Untersuchung zurückgehen, und nicht bei den Farben desselben, welche Zufall, Gewohnheit, aus Irrthum unwillkürlich, oder von der Unterdrückungssucht willkürlich ausgestreute Vorurtheile ihm anhauchen, muss sie stehen bleiben. (Sie muss aus Principien a priori, und zwar aus praktischen, und darf schlechterdings nicht aus empirischen geführt werden.) Wer hierüber noch nicht mit sich einig ist, ist zur aufgegebenen Beurtheilung noch nicht reif. Er wird im Finstern herumtappen, und seinen Weg mit den Fingerspitzen suchen; er wird mit dem Strome seiner Ideenassociation fortschwimmen, und es vom guten Glücke erwarten, an welches Eiland er ihn werfen werde; er wird ungleichartige Materialien, in der Ordnung, in der er sie von der Oberfläche seines Gedächtnisses auffischte, auf einander schichten, so gut es geht; weder er selbst, noch ein anderer wird ihn verstehen; er wird den Beifall des feineren Publicums erhalten, das in ihm sich selbst wiederfindet.“

Johann Gottlieb Fichte: Beitrag zur Berichtigung der Urtheile des Publicums über die französische Revolution. Erster Teil. Einleitung. I.

„Von den vorläufigen Urtheilen müssen die Vorurtheile unterschieden werden.

Vorurtheile sind vorläufige Urtheile, in so fern sie als Grundsätze angenommen werden. Ein jedes Vorurtheil ist als ein Princip irriger Urtheile anzusehen und aus Vorurtheilen entspringen nicht Vorurtheile, sondern irrige Urtheile. Man muß daher die falsche Erkenntniß, die aus dem Vorurtheil entspringt, von ihrer Quelle, dem Vorurtheil selbst, unterscheiden. So ist z. B. die Bedeutung der Träume an sich selbst kein Vorurtheil, sondern ein Irrthum, der aus der angenommenen allgemeinen Regel entspringt: Was einigemal eintrifft, trifft immer ein oder ist immer für wahr zu halten. Und dieser Grundsatz, unter welchen die Bedeutung der Träume mit gehört, ist ein Vorurtheil.

Zuweilen sind die Vorurtheile wahre vorläufige Urtheile, nur da sie uns als Grundsätze oder als bestimmende Urtheile gelten, ist unrecht. Die Ursache von dieser Täuschung ist darin zu suchen, daß subjective Gründe fälschlich für objective gehalten werden, aus Mangel an Überlegung, die allem Urtheilen vorhergehen muß. Denn können wir auch manche Erkenntnisse, z. B. die unmittelbar gewissen Sätze, annehmen, ohne sie zu untersuchen, d. h. ohne die Bedingungen ihrer Wahrheit zu prüfen: so können und dürfen wir doch über nichts urtheilen, ohne zu überlegen, d. h. ohne ein Erkenntniß mit der Erkenntnißkraft, woraus es entspringen soll, (der Sinnlichkeit oder dem Verstande) zu vergleichen. Nehmen wir nun ohne diese Überlegung, die auch da nöthig ist, wo keine Untersuchung stattfindet, Urtheile an: so entstehen daraus Vorurtheile, oder Principien zu urtheilen aus subjectiven Ursachen, die fälschlich für objective Gründe gehalten werden.

Die Hauptquellen der Vorurtheile sind: Nachahmung, Gewohnheit und Neigung.

Die Nachahmung hat einen allgemeinen Einfluß auf unsere Urtheile, denn es ist ein starker Grund, das für wahr zu halten, was andre dafür ausgegeben haben. Daher das Vorurtheil: was alle Welt thut, ist Recht. Was die Vorurtheile betrifft, die aus der Gewohnheit entsprungen sind, so können sie nur durch die Länge der Zeit ausgerottet werden, indem der Verstand, durch Gegengründe nach und nach im Urtheilen aufgehalten und verzögert, dadurch allmählig zu einer entgegengesetzten Denkart gebracht wird. Ist aber ein Vorurtheil der Gewohnheit zugleich durch Nachahmung entstanden: so ist der Mensch, der es besitzt, davon schwerlich zu heilen. Ein Vorurtheil aus Nachahmung kann man auch den Hang zum passiven Gebrauch der Vernunft nennen, oder zum Mechanism der Vernunft statt der Spontaneität derselben unter Gesetzen.

Vernunft ist zwar ein thätiges Princip, das nichts von bloßer Autorität Anderer, auch nicht einmal, wenn es ihren reinen Gebrauch gilt, von der Erfahrung entlehnen soll. Aber die Trägheit sehr vieler Menschen macht, daß sie lieber in Anderer Fußtapfen treten als ihre eigenen Verstandeskräfte anstrengen. Dergleichen Menschen können immer nur Copien von Andern werden, und wären alle von der Art, so würde die Welt ewig auf einer und derselben Stelle bleiben. Es ist daher höchst nöthig und wichtig: die Jugend nicht, wie es gewöhnlich geschieht, zum bloßen Nachahmen anzuhalten.

[…]

Ob es gut und rathsam sei, Vorurtheile stehen zu lassen oder sie wohl gar zu begünstigen? Es ist zum Erstaunen, daß in unserm Zeitalter dergleichen Fragen, besonders die wegen Begünstigung der Vorurtheile, noch können aufgegeben werden. Jemandes Vorurtheile begünstigen, heißt eben so viel als Jemanden in guter Absicht betrügen. Vorurtheile unangetastet lassen, ginge noch an; denn wer kann sich damit beschäftigen, eines Jeden Vorurtheile aufzudecken und wegzuschaffen. Ob es aber nicht rathsam sein sollte, an ihrer Ausrottung mit allen Kräften zu arbeiten, das ist doch eine andre Frage. Alte und eingewurzelte Vorurtheile sind freilich schwer zu bekämpfen, weil sie sich selbst verantworten und gleichsam ihre eigenen Richter sind. Auch sucht man das Stehenlassen der Vorurtheile damit zu entschuldigen, daß aus ihrer Ausrottung Nachtheile entstehen würden. Aber man lasse diese Nachtheile nur immer zu, in der Folge werden sie desto mehr Gutes bringen.“

Immanuel Kant: Immanuel Kant’s Logik (Herausgegeben von Gottlob Benjamin Jäsche). Einleitung. IX.

„Denn es ist zu allen Zeiten so gewesen und wird auch wohl künftighin so bleiben, daß gewisse widersinnige Dinge, selbst bei Vernünftigen Eingang finden, bloß darum, weil allgemein davon gesprochen wird. […] Die Schwäche des menschlichen Verstandes in Verbindung mit seiner Wißbegierde macht, daß man anfänglich Wahrheit und Betrug ohne Unterschied aufraffet. Aber nach und nach läutern sich die Begriffe, ein kleiner Teil bleibt, das übrige wird als Auskehricht weggeworfen.“

Immanuel Kant: Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik. Der zweite Teil. Erstes Hauptstück.

Kant nannte die aufgeklärte Maxime des Selbstdenkens „die Maxime der vorurteilfreien […] Denkungsart“ (Immanuel Kant: Kritik der Urtheilskraft. Erster Abschnitt. Zweites Buch. Deduktion der reinen ästhetischen Urteile. § 40.). Sich aufklären, das bedeutet, „Befreiung von Vorurtheilen“ (Immanuel Kant: Kritik der Urtheilskraft. Erster Abschnitt. Zweites Buch. Deduktion der reinen ästhetischen Urteile. § 40.). Es bedeutet freilich nicht nur dieses, wie ein sehr oberflächliches Aufklärungsverständnis (oder vielmehr Aufklärungsunverständnis) wähnt, aber es bedeutet auch dieses. Und daher möchte ich mich hier den Vorurteilen widmen und immer mal wieder eines, wie es sich gerade trifft, ausräumen.

Für die terminologisch Genaueren unter meinen Lesern – aber solche möchte es kaum geben – sei gleich eingeräumt: Um Vorurteile im strengeren Sinne, als um die Prinzipien irriger Urteile, wird es hier weniger gehen, vielmehr um das, was man gemeinhin unter diesem Worte versteht: Um eben diese irrigen Urteile und um Fehlinformationen.

Ein jeder Mensch mag seine individuellen Vorurteile haben, die auch nur individuell zu beseitigen sind, aber es gibt doch auch zugleich einige weithin verbreitete, die öffentlich zur Sprache zu bringen, sich lohnen kann. Auch von diesen möchte ich in dieser Rubrik jedoch nicht alle behandeln: Die größten und am tiefsten reichenden Vorurteile kann ich in diesem Rahmen kaum besprechen. Das will nicht besagen, dass ich das nicht einmal in einem anderen Rahmen, etwa in einem meiner Bücher, tun werde – gerade diese Vorurteile zu stürzen, gehört ja zu den großen Aufgaben der Philosophen: so zeigte Bataille, dass Verschwendung nichts Schlechtes und Abzulehnendes ist; Nietzsche griff das Vorurteil für die Wahrheit und das Gute an und fragte, ob wir nicht lieber böse sein und nach der Lüge streben sollten; Fichte verwarf noch das Ding an sich als einen Ungedanken, und die Liste ließe sich noch lange fortsetzen… Hier aber werde ich mich dieser Philosophenaufgabe nicht widmen, denn eine Behandlung jener Vorurteile würde zu umfangreich ausfallen, zugleich müsste sie weit über die Ebene des Faktischen hinausgehen. In diesem Bereich meiner Webseite kommt es mir aber gerade darauf an, nur über das zu sprechen, worüber gar keine Diskussion stattfinden kann, also falsche Kenntnisse zu berichtigen, indem ich auf unbezweifelbare, bloß wenig bekannte Tatsachen hinweise. An erster Stelle unter jenen Vorurteilen, die zu groß und zu tiefreichend für diese Rubrik sind, steht jenes, dem beinahe jeder Mensch anhängt, das materialistische Vorurteil vom Sein der Dinge an sich; aber es ließen sich ebenso noch einige mehr anführen, insbesondere in politischen, moralischen und religiösen Dingen. Auf der anderen Seite sind da Vorurteile, über die zu sprechen zwar möglich, aber weitestgehend vergebens wäre, da sie zu banal und zu dümmlich sind, als das für Den, der ihnen anhängt, zu hoffen wäre. Die Texte, die ich hier veröffentlichen möchte, sind, wie übrigens alles, was ich schreibe und sage, auf Menschen berechnet, die ein ernsthaftes Interesse an und Streben nach Aufklärung haben und die froh über Hilfe bei dieser ihrer Aufklärung sind, nicht auf solche, die die Finsternis liebgewonnen haben und in ihr verbleiben möchten. Wem man ernstlich erklären müsste, dass nicht jeder Mohammedaner ein Terrorist und nicht jeder Jude raffgierig ist – dem müsste man es eben nicht erklären, denn er würde ja doch nicht zuhören. Auch solche Vorurteile also bleiben hier außen vor.

Ziel dieser Sammlung und Berichtigung verbreiteter Irrtümer ist nicht nur das jeweils gerade behandelte Vorurteil, auch wenn ich vor der Hand über dieses sprechen, es widerlegen und auch immer wieder erläutern werde, was nun gerade dieses bestimmte Vorurteil anrichtet. Ich allein kann aber unmöglich jede Unwahrheit benennen, die unter den Menschen kursiert und von ihnen geglaubt wird, vor allem kann ich nicht jene weniger verbreiteten Vorurteile behandeln, von denen ich oben sprach und derer ein jeder seine persönlichen hat. Es wäre aber auch nicht Auf-, sondern es wäre Ausklärung, den Menschen derart das Denken abnehmen und jedes falsche Wissen durch ein richtiges ersetzen zu wollen. Der Unterschied zwischen Aufgeklärtheit und Unaufgeklärtheit liegt nicht in Kenntnissen, sondern in einer Haltung, und auf die Haltung der Menschen möchte ich wirken, indem ich einzelne Vorurteile zur Sprache bringe: Ich möchte sie anregen, dem Leben überhaupt und allem vermeintlichen Wissen kritischer und bedachtsamer zu begegnen. Denn was letztlich zeichnet die Vorurteile aus, von denen ich hier handle bzw. eigentlicher: warum werden sie denn von so Vielen geglaubt? Weil sie eben einmal gehört wurden – oder vielmehr, weil sie wieder und wieder gehört werden, weil man sie von allen Dächern in die Ohren geschrien bekommt, denn es ist ja gerade von den verbreitetsten Vorurteilen die Rede – und weil sie dann geglaubt wurden, anstatt dass man sie überprüfte und dass man nach einer wirklich zuverlässigen Quelle suchte. Ein Beispiel: War die Position Fichtes, unseres größten Philosophen, der subjektive Idealismus? Wikipedia behauptet dies. Nun, an dieser Quelle mag man noch zweifeln. Aber auch die Experten behaupten es: es steht in mancher Philosophiegeschichte (so diese Fichte überhaupt erwähnen, was bereits Seltenheit hat), viele Philosophologen würden es auf Nachfrage behaupten und mögen es im Vorbeigehen einmal in irgendeiner Einleitungsvorlesung (denn in anderem Zusammenhange kommen sie auf Fichte gar nicht zu sprechen) ihren Studenten gegenüber erwähnen. Die Wahrheit ist eine andere: Fichte hielt den subjektiven Idealismus für eine Ansicht, die mit „Ungereimtheit“ noch viel zu harmlos beschrieben wäre, und stellte wieder und wieder klar, dass es nicht die seine und wie grundfalsch sie ist. Nun weiß ich dies sicher, denn ich habe Fichtes sämtliche Werke gelesen. Wer Anderes behauptet, kann es nicht sicher wissen (denn wie könnte es Sicherheit in Bezug auf etwas Falsches geben?), er hat es nur überall gehört, wo überhaupt von Fichte die Rede ist – auf Wikipedia eben, in der Sekundärliteratur, aus dem Munde der Philosophologen – und hat es nachgeplappert, weil doch gewiss richtig sein muss, was so viele, noch dazu die Experten, sagen – nun, es muss nicht richtig sein, wenn diese ihrerseits auch nur die Worte Anderer nachgeplappert und sie niemals geprüft haben.

Der Mensch kann die Wahrheit nicht immer kennen. Er kann auch nicht in jedem Falle wissen, ob eine Meinung, die er hegt, richtig oder falsch ist. Aber das kann er in jedem Falle ohne Ausnahme bestimmt angeben, wenn er sich nur daraufhin befragt: Ob er Gewissheit besitzt. Schon Kant schlägt hierfür einen einfachen Selbstversuch vor: Man soll sich die Frage stellen, ob und wie hoch wohl man auf die Wahrheit dieser seiner Meinung wetten würde. Wäre man bereit, ein wenig Geld aufs Spiel zu setzen? Oder sein ganzes Vermögen? Oder wäre man gar bereit, seine ewige Seligkeit zu verwetten, sich vor die allwissende Gottheit hinzustellen und zu sprechen: „Was ich in diesem Falle glaube, das ist wahr, und ich glaube es nicht nur, ich weiß es, weiß es so sicher, dass ich dich herausfordere, mich in den Abgrund zu stoßen und den ewigen Höllenqualen zu überantworten, wenn ich irren sollte!“? – eine Frage, die, da es zu dieser Situation ja nicht wirklich kommen soll, sondern nur um die Überprüfung der eigenen Gewissheit geht, jeder sich vorlegen kann, er glaube nun einen Gott oder nicht. Am ehesten wäre man wohl bereit, Wetten, auch mit hohem Einsatz, auf Vernunftwahrheiten einzugehen: Dass 1+1 2 ist oder dass ein Dreieck notwendig drei und nicht etwa vier Ecken hat, darauf möchte man vielleicht auch seine ewige Seligkeit wagen. Nur historisch aufgenommene Wahrheiten stehen schon auf einem anderen Blatte, aber wenn sie nur fest genug stehen, wird man sich wohl auch auf sie zu wetten getrauen: Dass die Erde rund oder dass Berlin die Hauptstadt Deutschlands ist, dessen mag man sich noch sicher sein. Aber dass Fichte subjektiver Idealist war, das mag irgendein Philosophologieprofessor, der Fichte nie gelesen hat, seinen Studenten erzählen, ohne darüber nachzudenken, weil er es einst von seinem eigenen Professor hörte – aber sollte er es, vom allgewaltigen Gotte danach befragt bei Androhung ewiger Höllenqualen im Falle einer falschen Antwort, wagen, es auch vor diesem zu bekennen? Oder würde er in dieser Lage nicht zurückhaltender mit seiner Aussage sein und sich nicht wenigstens ausbitten, Fichtes Werke noch rasch selbst gründlich durchlesen zu dürfen, ehe er urteilte? Wenn er aber nur meint, dass Fichte subjektiver Idealist war, und es nicht sicher weiß, dieser Philosophologe – und so ist es, denn sonst würde er die Wette ja ohne Bedenken wagen –, warum verkauft er es seinen Studenten dann als sichere Wahrheit? Er ist ohne Zweifel – und ich gebe hiermit ein Beispiel der strengen Sittlichkeit, die Aufklärung fordert und die etwas anderes ist als jener anständige Pharisäismus, der alles ist, was man sich heute unter Moral denkt –, er ist ohne Zweifel, sage ich, ein verächtlicher Mensch und ein Lügner, insofern wir unter einem Lügner nicht nur einen verstehen, der etwas als wahr ausgibt, von dem er weiß, dass es nicht wahr ist, sondern als Lügner auch einen solchen zu bezeichnen haben, der etwas als wahr ausgibt, von dem er nicht weiß, dass es wahr ist. Mein Ethos, meine Forderung an mich selbst ist es, auch in diesem Sinne nicht zu lügen und bei dem, was ich öffentlich vortrage, zu unterscheiden, was mir Gewissheit und was mir bloß Vermutung, Meinung und Vorurteil ist. (Einige nur negativ orientierte Menschen, denen ein gutes Streben Nichts oder vielmehr ein Ärgernis ist, werden diese Aussage zum Anlass nehmen, auch bei mir zu lauern, ob ich nicht einmal etwas als eine Wahrheit ausspreche, das nicht wahr ist und das ich nicht sicher wissen konnte, und sie werden sich hämisch freuen und beflissen sein, mich einen Heuchler zu nennen, sollten sie mich wirklich einmal hierbei ertappen. Nun, das mögen sie tun. Wer sich ein Ideal vorsetzt, mag hinter seinem Ziele zurückbleiben; der Strebende ist dennoch unendlich edler als der, der an sich selbst gar keine Forderungen stellt und der seine Kräfte lieber darauf verschwendet, das Gute zu beschmutzen und zu verkleinern, als an seiner eigenen Güte zu arbeiten. Und ich meinesteils werde mich freuen, meines Irrtums überführt zu werden und berichtigt worden zu sein, und werde meinen Fehler freimütig eingestehen, wenn man mir nur einen Beweis vorlegt – und werde künftighin noch stärker streben. Ich habe in allem Diesem also nur zu gewinnen.) Und ich hoffe, dass ich durch diese Rubrik meiner Webseite, wie überhaupt durch all mein Schaffen, auch einige Andere bewegen kann, ein solches Ethos zu entwickeln und sich selbst dieser strengen Forderung zu unterwerfen: Wenn ein jeder Mensch, bevor er etwas spräche, die genannte Probe in seinem Innern durchführte, dann hätten wir zwar nicht sogleich Wahrheit, aber wir könnten doch wenigstens die Vorurteile ausrotten, denn es würden keine Irrtümer mehr fälschlich verbreitet. Ein jeder hat eine Verantwortung für die von ihm geäußerten Worte. Ja, vielleicht möchte wirklich unsere ewige Seligkeit davon abhängen und vielleicht möchten wir wirklich dereinst gerichtet werden dafür, dass wir Unwahres wie eine Wahrheit ausgesprochen haben – ein Satz, den man für vielleicht, selbst für wahrscheinlich falsch erklären, den man aber, wendet man den vorgeschlagenen Test an, ebenfalls nicht ganz verwerfen kann.

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