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„Und doch erwachen immer wieder Einige, die sich im Hinblick auf das vergangene Grosse und gestärkt durch seine Betrachtung so beseligt fühlen, als ob das Menschenleben eine herrliche Sache sei, und als ob es gar die schönste Frucht dieses bitteren Gewächses sei, zu wissen, dass früher einmal Einer stolz und stark durch dieses Dasein gegangen ist, ein Anderer mit Tiefsinn, ein Dritter mit Erbarmen und hülfreich — alle aber Eine Lehre hinterlassend, dass der am schönsten lebt, der das Dasein nicht achtet. Wenn der gemeine Mensch diese Spanne Zeit so trübsinnig ernst und begehrlich nimmt, wussten jene, auf ihrem Wege zur Unsterblichkeit und zur monumentalen Historie, es zu einem olympischen Lachen oder mindestens zu einem erhabenen Hohne zu bringen; oft stiegen sie mit Ironie in ihr Grab — denn was war an ihnen zu begraben! Doch nur das, was sie als Schlacke, Unrath, Eitelkeit, Thierheit immer bedrückt hatte und was jetzt der Vergessenheit anheim fällt, nachdem es längst ihrer Verachtung preisgegeben war. Aber Eines wird leben, das Monogramm ihres eigensten Wesens, ein Werk, eine That, eine seltene Erleuchtung, eine Schöpfung: es wird leben, weil keine Nachwelt es entbehren kann. In dieser verklärtesten Form ist der Ruhm doch etwas mehr als der köstlichste Bissen unserer Eigenliebe, wie ihn Schopenhauer genannt hat, es ist der Glaube an die Zusammengehörigkeit und Continuität des Grossen aller Zeiten, es ist ein Protest gegen den Wechsel der Geschlechter und die Vergänglichkeit.“

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Unzeitgemässe Betrachtungen. Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben. 2.
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„Es wird die Zeit sein, in welcher man sich aller Constructionen des Weltprozesses oder auch der Menschheits-Geschichte weislich enthält, eine Zeit, in welcher man überhaupt nicht mehr die Massen betrachtet, sondern wieder die Einzelnen, die eine Art von Brücke über den wüsten Strom des Werdens bilden. Diese setzen nicht etwa einen Prozess fort, sondern leben zeitlos-gleichzeitig, Dank der Geschichte, die ein solches Zusammenwirken zulässt, sie leben als die Genialen-Republik, von der einmal Schopenhauer erzählt; ein Riese ruft dem anderen durch die öden Zwischenräume der Zeiten zu, und ungestört durch muthwilliges lärmendes Gezwerge, welches unter ihnen wegkriecht, setzt sich das hohe Geistergespräch fort. Die Aufgabe der Geschichte ist es, zwischen ihnen die Mittlerin zu sein und so immer wieder zur Erzeugung des Grossen Anlass zu geben und Kräfte zu verleihen. Nein, das Ziel der Menschheit kann nicht am Ende liegen, sondern nur in ihren höchsten Exemplaren.“

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Unzeitgemässe Betrachtungen. Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben. 9.

„Freie Mittheilung der Wahrheit ist das schönste Vereinigungsband, das die Welt der Geister zusammenhält; ein Geheimniss, das niemand kennt, denn der es empfangen hat. Die Wahrheit ist ein gemeinsames Erbgut dieser höheren Welt, frei wie der Aether, und von Myriaden zugleich zu geniessen, ohne sich zu verzehren. Ihr händigtet mir meinen Antheil davon ein, nicht als mein Eigenthum, sondern als ein auf eure späteren Nachkommen zu überlieferndes heiliges Unterpfand. Ich werde, ich muss es abliefern; wohl mir, wenn es in meinen Händen gewuchert hat; nur dadurch kann ich meinen Platz in der Welt der Geister bezahlen. […] Geister der Vorwelt, deren Schatten mich unsichtbar umschweben, Griechen und Römer, an deren noch fortlebenden Schriften mein Geist sich zuerst versuchte; die ihr diese Kühnheit, diese Verachtung der List, der Gefahr und des Todes, dieses Gefühl für alles, was stark und gross ist, unmerklich in meine Seele hauchtet – und ihr anderen zum Theil noch lebenden Lehrer, an deren Hand ich noch täglich tiefer in die Natur unseres Geistes und seiner Begriffe einzudringen, und von eingewurzelten Vorurtheilen mich immer mehr zu entfesseln suche: – fern sey von mir der entehrende Gedanke, dass ich alles das durch die paar armseligen Groschen bezahlt habe, die ich für eure Schriften gab. Mein Geist fliegt in dieser Minute sehnend zu euren unbekannten Gräbern, oder zu den Städten, wo ihr weilt, und von denen Länder und Seen mich trennen, und möchte gerührt aber männlich auf eurem Grabe danken, oder euch die Hand drücken, und euch sagen: ihr seyd meine Väter, Theile von eurem Geiste sind in den meinigen übergegangen.“

Johann Gottlieb Fichte: Beitrag zur Berichtigung der Urtheile des Publicums über die französische Revolution. Erster Teil. Erstes Heft. Erstes Buch. Zweites Kapitel.

Schon einige Jahre, ehe ich mit meinen ersten Schriften und Vorträgen an die Öffentlichkeit trat, begann ich, mir eine Zitatsammlung anzulegen, deren enormer Umfang stets weiter wächst und wachsen wird. Jeder Satz, jeder Absatz, jede Passage, auf die ich bei meiner Lektüre stoße, welche ich aus diesem oder jenem Grunde aufbehalten oder auch vielleicht einmal in einer eigenen Schrift wiedergeben möchte, werden von mir festgehalten.

Diese Sammlung entstand, wie gesagt, zunächst für mich selber und nur mittelbar – so sie mich befruchten oder ich aus ihr zitieren würde – für andere. Doch warum es dabei belassen, ging mir schließlich durch den Sinn, warum diesen Schatz, den ich zusammentrug und noch zusammentrage, diese gesammelte Weisheit unserer größten Geister, nicht unmittelbarer mit dem Publikum teilen? Und so will ich hier ausgewählte Zitate aus meiner Sammlung veröffentlichen – immer an einem Dienstage und immer zur Mittagszeit.

Nun gibt es Zitat- und Sprüchesammlungen, auch online, bereits zuhauf, ja finden sich ganze Internetseiten, die nur diesem Zwecke dienen. Was unterscheidet die meine von all diesen anderen, weshalb sollte es ihrer bedürfen, wo sie doch nicht die erste und nicht einmal die hundertste ihrer Art ist?

Einmal gehe ich mit mehr Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit zu Werke, als dies üblich ist. Die meisten Analekten sind voll von falschen, ungenauen oder wenigstens verfälschenden, weil aus dem Kontext gerissenen Zitaten. Nicht selten wird ein Wort in sie aufgenommen, das man nicht unmittelbar bei dessen Urheber vorgefunden, sondern irgendwo aufgeschnappt, ja vielleicht auch nur einer anderen Sammlung von Zitaten entnommen hat, die vielleicht ihrerseits schon auf einer dritten beruht usf. Dies gilt nicht nur für entsprechende Internetseiten, zu denen jeder jeden ungeprüften Spruch beitragen kann und die als ernsthafte Sammlungen nahezu wertlos sind, sondern auch für zahllose gedruckte Bücher, die oft nicht mehr Wert haben. (Es bedarf dann der verdienstvollen und redlichen Arbeit von Menschen wie Gerald Krieghofer oder, im englischen Sprachraum, dem Quote Investigator, um Falschzuschreibungen und wilde Erfindungen wiederum als solche zu entlarven, wenn sie auch oft so ungeheuerlich schlecht und unpassend sind, dass schon ein Quäntchen von ästhetischem Sinn oder minimalste Vertrautheit mit dem je fraglichen Urheber anstelle jeder aufwändigen Recherche hierzu genügen müsste.) Ich dagegen will nur Aphorismen, Gedanken und Textpassagen hier vorstellen, die ich selbst in den Werken vorgefunden habe, denen sie entstammen. Das bedeutet, dass ich sie nicht aus dem Kontext, der mir ja stets bekannt ist, reißen und hierdurch ihren Sinn verzerren werde und dass ich vor allem für die Echtheit dieser Zitate bürgen kann. Auch werde ich, sodass von der letzteren sich jeder selbst überzeugen und auf dass auch ein jeder selbst den ersteren nachvollziehen kann, hinzusetzen, was so vielen Zitatsammlungen fehlt, die oft nicht mehr nennen als den (angeblichen) Urheber: eine richtige Quellenangabe.

Darüber hinaus ist auch der Anspruch und Zweck meiner Analekten ein anderer als der so vieler Sammlungen. (Und ich beschränke mich deshalb auch nicht auf das Zitieren kurzer und vielleicht besonders einprägsamer oder pointierter Aphorismen, wie dies so gerne getan wird, sondern zitiere genauso auch mal einen Absatz oder selbst mehrere fortlaufende Seiten.) Die von mir vorgestellten Zitate sollen dem Publikum nicht präsentiert werden, damit man mit ihrer Lektüre ein kleines Stückchen seiner so leeren Zeit anfülle oder damit man seine unfruchtbaren Kenntnisse mehre; ich will den Menschen weder erbauliche Glückskekssprüchlein mitgeben, die vielleicht ein momentanes Kopfnicken auslösen, sie aber letzten Endes ganz unverändert ihren Alltag weiter treiben lassen, noch will ich ihnen eine kleine Gelegenheit bieten, an passender oder unpassender Stelle vor anderen mit ihrer vermeintlichen Bildung glänzen zu können, weil sie einen von ihnen nicht verstandenen und ihnen nichts bedeutenden Satz dieses Dichters oder jenes Philosophen zu zitieren vermögen. Was diese Sammlung hingegen wohl leisten soll, das ist, ihre Leser im wörtlichen Sinne geistig und seelisch zu bereichern. In welcher Hinsicht genau sie dies tun mag – nun, das hängt ganz vom Leser ab. Manches Zitat mag geeignet sein, ein bisher gehegtes Vorurteil auszuräumen, weil man hier eine Aussage vorfindet, die man bei diesem Autor, in dieser Epoche, in diesem Werke so nicht erwartet hätte. Die Zitate mögen zugleich Empfehlungen sein und manches von ihnen mag ein Interesse, vielleicht gar einen bisher kaum gespürten Hunger aufwecken und eine Einladung sein, seinen Autor oder das Werk, dem es entstammt, auch über den kleinen von mir präsentierten Fetzen hinaus einmal zu studieren – und auch aus diesem Grunde will ich stets eine genaue Quellenangabe beisteuern. Vor allem aber will ich durch diese Zitate die Weisheit unserer Großen ein Stück weiter in der Welt verbreiten, will zum Denken und Fühlen und Leben anregen, will den Horizont des Lesers erweitern, will ihn für Aufklärung und Weisheit, für echte Tiefe und echten Ernst begeistern und entflammen, will ihm vorführen, was echte Gedanken – zum Unterschiede von bloßen Meinungen und Gedünkeln, die uns alle tagtäglich umschwirren – sind.

Noch habe ich hinzuzufügen, was eigentlich keiner Klarstellung bedürfen und was manch Böswilliger und Leseunfähiger dieser Klarstellung zum Trotze doch nicht zur Kenntnis nehmen oder nicht glauben wird: Dass zwar gewiss viele, aber nicht alle Zitate, die ich hier veröffentliche, meine Zustimmung finden und meinen eigenen Überzeugungen entsprechen. Ich bitte also, davon abzusehen, mir zu unterstellen, ich hätte einmal dieses behauptet oder jenes gutgeheißen, sofern ich das nicht wirklich aus eigenem Munde getan, sondern nur jemand anderen zitiert haben sollte, der es tut. Die Mehrzahl der hier zitierten Denker und Gedanken mag mir aus dem Herzen und dem Geiste sprechen, aber mitunter will ich auch Worte zitieren, denen ich nur halb oder vielleicht auch überhaupt nicht beipflichte, sei es, um das Publikum hinzuweisen, was ein Bestimmter gedacht hat, sei es, um Gedanken überhaupt vorzustellen, und seien es selbst falsche (denn die Verirrungen und Irrtümer der Großen sind doch noch immer herrlicher anzuschauen und von größerem Werte als die zufällig einmal zutreffenden Meinungen der Kleinen!), sei es aus anderen Gründen.

Fichte: Insofern nun die W=L. einsieht

Insofern nun die W.=L. einsieht, nur das Wissen zu ihrem Objekte haben zu können, mithin Wissenslehre ist, das Sein durchaus aussondert, und deutlich erkennt, daß es eine Seinslehre nicht geben kann: so ist sie dadurch zugleich transscendentaler Idealismus, d. i....

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Nietzsche: Der Schein-Egousmus

Der Schein-Egoismus — Die Allermeisten, was sie auch immer von ihrem „Egoismus“ denken und sagen mögen, thun trotzdem ihr Lebenlang Nichts für ihr ego, sondern nur für das Phantom von ego, welches sich in den Köpfen ihrer Umgebung über sie gebildet und sich ihnen...

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Fichte: Ist irgend etwas

Ist irgend etwas, das in die Augen springend den beklagenswürdigen Zustand der Philosophie, als einer Wissenschaft in unseren Tagen zeigt, so sind es dergleichen Ereignisse. Wenn jemand über Mathematik, über Naturlehre, über irgend eine Wissenschaft sich so vernehmen...

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Kant: Es liegt gar viel daran

Es liegt gar viel daran, den Begriff, welchen man durch Beobachtung aufklären will, vorher selbst wohl bestimmt zu haben, ehe man seinetwegen die Erfahrung befragt; denn man findet in ihr, was man bedarf, nur alsdann, wenn man vorher weiß, wornach man suchen soll....

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Arendt: Then came Eichmann’s last statement

Then came Eichmann’s last statement: His hopes for justice were disappointed; the court had not believed him, though he had always done his best to tell the truth. The court did not understand him: he had never been a Jew-hater, and he had never willed the murder of...

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Kant: Eine Lüge aber

Eine Lüge aber, sie mag innerlich oder äußerlich sein, ist zwiefacher Art: 1) wenn man das für wahr ausgiebt, dessen man sich doch als unwahr bewußt ist, 2) wenn man etwas für gewiß ausgiebt, wovon man sich doch bewußt ist subjectiv ungewiß zu sein. Die Lüge („vom...

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Fichte: Um Muth zu zeigen

Um Muth zu zeigen, bedarf es nicht, dass man die Waffen ergreife; den weit höheren Muth, mit Verachtung des Urtheils der Menge treu zu bleiben seiner Ueberzeugung, muthet uns das Leben oft genug an.   Johann Gottlieb Fichte: Rede an seine Zuhörer bei Abbrechung...

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