Vermischte Gedanken

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„Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten Gedanken! Es ist nicht lange her, da wart ihr noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen, dass ihr mich niesen und lachen machtet — und jetzt? Schon habt ihr eure Neuheit ausgezogen, und einige von euch sind, ich fürchte es, bereit, zu Wahrheiten zu werden: so unsterblich sehn sie bereits aus, so herzbrechend rechtschaffen, so langweilig! Und war es jemals anders? Welche Sachen schreiben und malen wir denn ab, wir Mandarinen mit chinesischem Pinsel, wir Verewiger der Dinge, welche sich schreiben lassen, was vermögen wir denn allein abzumalen? Ach, immer nur Das, was eben welk werden will und anfängt, sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende und erschöpfte Gewitter und gelbe späte Gefühle! Ach, immer nur Vögel, die sich müde flogen und verflogen und sich nun mit der Hand haschen lassen, — mit unserer Hand! Wir verewigen, was nicht mehr lange leben und fliegen kann, müde und mürbe Dinge allein! Und nur euer Nachmittag ist es, ihr meine geschriebenen und gemalten Gedanken, für den allein ich Farben habe, viel Farben vielleicht, viel bunte Zärtlichkeiten und fünfzig Gelbs und Brauns und Grüns und Roths: — aber Niemand erräth mir daraus, wie ihr in eurem Morgen aussahet, ihr plötzlichen Funken und Wunder meiner Einsamkeit, ihr meine alten geliebten — — schlimmen Gedanken!“

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. Neuntes Hauptstück. 296.

„Es wird manches gedruckt, was besser nur gesagt würde, und zuweilen etwas gesagt, was schicklicher gedruckt wäre. Wenn die Gedanken die besten sind, die sich zugleich sagen und schreiben lassen, so ists wohl der Mühe wert, zuweilen nachzusehen, was sich von dem Gesprochnen schreiben, und was sich von dem Geschriebnen drucken läßt. Anmaßend ist es freilich, noch bei Lebzeiten Gedanken zu haben, ja bekannt zu machen. Ganze Werke zu schreiben ist ungleich bescheidner, weil sie ja wohl bloß aus andern Werken zusammengesetzt sein können, und weil dem Gedanken da auf den schlimmsten Fall die Zuflucht bleibt, der Sache den Vorrang zu lassen, und sich demütig in den Winkel zu stellen. Aber Gedanken, einzelne Gedanken sind gezwungen, einen Wert für sich haben zu wollen, und müssen Anspruch darauf machen, eigen und gedacht zu sein. Das einzige, was eine Art von Trost dagegen gibt, ist, daß nichts anmaßender sein kann, als überhaupt zu existieren, oder gar auf eine bestimmte selbständige Art zu existieren. Aus dieser ursprünglichen Grundanmaßung folgen nun doch einmal alle abgeleiteten, man stelle sich wie man auch will.“

Karl Wilhelm Friedrich Schlegel: Athäneums-Fragmente. 23.

„Ein Fragment muß gleich einem kleinen Kunstwerke von der umgebenden Welt ganz abgesondert und in sich selbst vollendet sein wie ein Igel.“

Karl Wilhelm Friedrich Schlegel: Athäneums-Fragmente. 206.

„In andern Fällen macht die aphoristische Form Schwierigkeit: sie liegt darin, dass man diese Form heute nicht schwer genug nimmt. Ein Aphorismus, rechtschaffen geprägt und ausgegossen, ist damit, dass er abgelesen ist, noch nicht ‚entziffert‘; vielmehr hat nun erst dessen Auslegung zu beginnen, zu der es einer Kunst der Auslegung bedarf. […] Freilich thut, um dergestalt das Lesen als Kunst zu üben, Eins vor Allem noth, was heutzutage gerade am Besten verlernt worden ist — und darum hat es noch Zeit bis zur ‚Lesbarkeit‘ meiner Schriften —, zu dem man beinahe Kuh und jedenfalls nicht ‚moderner Mensch‘ sein muss: das Wiederkäuen…“

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Zur Genealogie der Moral. Vorrede. 8.

„— Zuletzt aber: wozu müssten wir Das, was wir sind, was wir wollen und nicht wollen, so laut und mit solchem Eifer sagen? Sehen wir es kälter, ferner, klüger, höher an, sagen wir es, wie es unter uns gesagt werden darf, so heimlich, dass alle Welt es überhört, dass alle Welt uns überhört! Vor Allem sagen wir es langsam… Diese Vorrede kommt spät, aber nicht zu spät, was liegt im Grunde an fünf, sechs Jahren? Ein solches Buch, ein solches Problem hat keine Eile; überdies sind wir Beide Freunde des lento, ich ebensowohl als mein Buch. Man ist nicht umsonst Philologe gewesen, man ist es vielleicht noch, das will sagen, ein Lehrer des langsamen Lesens: — endlich schreibt man auch langsam. Jetzt gehört es nicht nur zu meinen Gewohnheiten, sondern auch zu meinem Geschmacke — einem boshaften Geschmacke vielleicht? — Nichts mehr zu schreiben, womit nicht jede Art Mensch, die ‚Eile hat‘, zur Verzweiflung gebracht wird. Philologie nämlich ist jene ehrwürdige Kunst, welche von ihrem Verehrer vor Allem Eins heischt, bei Seite gehn, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden —, als eine Goldschmiedekunst und -kennerschaft des Wortes, die lauter feine vorsichtige Arbeit abzuthun hat und Nichts erreicht, wenn sie es nicht lento erreicht. Gerade damit aber ist sie heute nöthiger als je, gerade dadurch zieht sie und bezaubert sie uns am stärksten, mitten in einem Zeitalter der ‚Arbeit‘, will sagen: der Hast, der unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit, das mit Allem gleich ‚fertig werden‘ will, auch mit jedem alten und neuen Buche: — sie selbst wird nicht so leicht irgend womit fertig, sie lehrt gut lesen, das heisst langsam, tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen… Meine geduldigen Freunde, dies Buch wünscht sich nur vollkommene Leser und Philologen: lernt mich gut lesen! —“

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Morgenröte. Vorrede. 5.

„Ich will nicht gerade auf der Stelle wissen, wie dieser oder jener über die in Anregung gebrachten Fragen denke, d. h. wie er bisher darüber gedacht, oder auch nicht gedacht habe. Er soll es bei sich selbst überlegen und durchdenken, so lange bis sein Urtheil fertig ist und vollkommen klar, und soll sich die nöthige Zeit dazu nehmen; und gehen ihm etwa die gehörigen Vorkenntnisse, und der ganze Grad der Bildung, der zu einem Urtheile in diesen Angelegenheiten erfordert wird, noch ab, so soll er sich auch dazu die Zeit nehmen, sich dieselben zu erwerben. Hat nun einer auf diese Weise sein Urtheil fertig und klar, so wird nicht gerade verlangt, dass er es auch öffentlich abgebe; sollte dasselbe mit dem hier Gesagten übereinstimmen, so ist dieses eben schon gesagt, und es bedarf nicht eines zweiten Sagens, nur wer etwas Anderes und Besseres sagen kann, ist aufgefordert zu reden; dagegen aber soll es jeder in jedem Falle nach seiner Weise und Lage wirklich leben und treiben.“

Johann Gottlieb Fichte: Reden an die deutsche Nation. Zwölfte Rede.

 

Anders als andere Rubriken auf meiner Webseite ist diese nicht durch einen gemeinsamen Inhalt bestimmt – sodass etwa alle an dieser Stelle vorzufindenden Texte sich gerade mit Vorurteilen oder gerade mit Lügen oder speziell mit Unaufgeklärtem oder aber mit Aufgeklärtem befassten –, sondern wird allein durch ein formales Kriterium zusammengehalten:

An diesem Orte will ich kürzere Texte veröffentlichen, Sentenzen, Aphorismen, Fragmente und andere Schnipsel. Es handelt sich dabei um ausgewählte Stücke aus meinem Denktagebuch, in dem ich immer wieder bestimmte Anschauungen, Formulierungen oder Eingebungen notiere, wie sie mir eben gerade kommen. Manches davon entsteht durch bewusste und gerichtete Überlegung. Aber so entscheidend für den Philosophen das Vermögen echter Aufmerksamkeit ist, so entscheidend es ist, dass er Herr über sein Bewusstsein sei und sich nicht wie der nicht-philosophische Mensch nur dessen blindem Assoziationsflusse hingebe, so wichtig ist doch auch die Fähigkeit, das Denken selbst denken und die Gedanken sich selbst bilden lassen zu können, empfänglich und begeisterungsfähig zu sein, anstatt beständig mit seinen Begierden und seinem Dünkel dazwischen zu fahren. Was der Philosoph auf diese Weise findet und was sich ihm auf diese Weise findet, das mag er festhalten: weshalb schon Andere vor mir – Arendt, Nietzsche, Lichtenberg, weitere mehr – uns reiche Sammlungen von Fragmenten hinterlassen haben, teils rechte Schatzkästchen, die in nichts ihren vollständigen Werken nachstehen, vielleicht teils sogar bedeutender als diese sind. Erst ich aber veröffentliche derlei Notizen selbst und zu Lebzeiten – das Internet, das mir im Gegensatz zu allen Früheren neben dem bloßen gedruckten Buch zu Gebote steht, gibt mir diese Möglichkeit.

Die Gedanken, die ich hier veröffentliche, mögen sich – schon jetzt oder in Zukunft einmal – auch andernorts in meinem Werk finden, manch ein kurzer Absatz mag künftig noch zu einem ganzen Buch oder wenigstens einem Kapitel eines solchen ausgearbeitet werden, und was ich hier gedrängt schreibe, ohne Beispiele, ohne Beweise, ohne Erklärungen, das mag ich später einmal durch weitere Ausführungen illustrieren, aus einem Prinzip begründen oder an seine Stelle in einen Zusammenhang mit anderen Gedanken stellen. Anderes hingegen, was ich hier dem Publikum mitteile, werde ich vielleicht nie irgendwo sonst aussprechen: vielleicht ist es ein zweitrangiger und nebensächlicher Gedanke, vielleicht ein wichtiger, der nur nicht recht in den Zusammenhang meiner Werke passen und für den sich keine Stelle finden will, vielleicht auch einer, zu dessen Ausarbeitung ich, während ich meine Aufgaben und Projekte verfolgen werde, nie kommen werde, sodass ich sie Anderen, Nachkommenden anbiete.

Man meine jedoch nicht, ich wollte dem Publikum hier Unfertiges und Unausgegorenes präsentieren und hier an dieser Stelle tun, was heute so gern getan wird, was aber so unphilosophisch ist: nämlich meine undurchdachten Meinungen als Athyroglossos in die Welt hinauskotzen, wie sie mich gerade ankommen. Mein Wappentier mag die Maus sein, aber als Philosoph bin ich immer auch Kuh: Ich verstehe mich aufs Wiederkäuen. Ich veröffentliche deshalb hier nicht alles, was ich je in mein Denktagebuch geschrieben habe, sondern Ausgewähltes. Und ich veröffentliche es auch nicht zwingend in dem Moment, da ich es erstmals denke und niederschreibe, sondern teils Monate, teils Jahre später, nachdem ich es weiter in Geist und Herz bewegt, vielleicht noch einmal geändert und umformuliert habe und nachdem es reifen konnte. Dieser Teil meiner Webseite ist also ein Auszug aus meinem Denktagebuch, aber er ist nicht und wird niemals mein Denktagebuch werden. Man wird mir also auch hier nicht unmittelbar beim Denken zuschauen können, sondern auch hier nur Produkte des Denkens vorfinden. (Das mag manchen verdrießen, der vielleicht einmal Zeuge gerade eines solchen Denkakts werden möchte. Aber so einer wüsste nicht, was er da wünscht. Denn erstens ist es ein indiskreter Wunsch, ist dies doch, wie einem Menschen bei seinen Verdauungsvorgängen zuschauen wollen, ist doch das Denken etwas sehr Intimes und geht doch mein Denken niemanden außer mir etwas an, weshalb billig jeder an Stelle desselben mit meinen Gedanken vorlieb nehmen sollte. Zweitens ist es auch ein ganz verkehrter Wunsch, denn weshalb sollte man lieber beim Kochen zuschauen als das Mahl verspeisen wollen? (– Selbst kochen, das ist noch etwas anderes, das durchaus mit gewissem Rechte dem bloßen Aufessen einmal vorgezogen werden könnte.) Drittens ist es ein Wunsch nach Unmöglichem: Einem anderen Menschen beim Denken zusehen kann man nicht, ich kann mir ja kaum selbst dabei zusehen; „[d]as Druckenlassen verhält sich zum Denken, wie eine Wochenstube zum ersten Kuß“ (Karl Wilhelm Friedrich Schlegel: Athäneums-Fragmente. 62), und Der wäre ein ganz Unverständiger, der glaubte, mein Denktagebuch, wie ich selbst es führe, wäre dieses Denken – was darin steht, selbst die unausgereiftesten und unvollständigsten Kritzeleien darin, das ist immer schon Produkt und Ergebnis eines Denkens und es muss schon sehr viel sich im Innern eines Menschen getan haben, ehe ein Gedanke so weit sich verdichtet hat und so weit an die Oberfläche des Bewusstseins gedrungen – ehe er eben Gedanke geworden ist, nachdem er lange mehr Gefühl, Ahnung, Haltung war, dass der Mensch ihn greifen, aussprechen und niederschreiben kann: und ich allein weiß, wie vieles, auch Wichtiges und Gutes, ich auch in meinem Denktagebuch nicht niederschreibe.)

Es bleibt die Frage zu beantworten, was Zweck dieser Kategorie ist. Nun, ich wünsche, dass jeder, der in ihr stöbert, einen solchen selber und seinen ganz eigenen finde. Ein kleines Schatzkästlein soll dies sein, ein Born von Gedanken, Möglichkeiten, Anregungen, hoffentlich Hilfe zur Aufklärung und Befruchtung zu eigenem Denken und Tun. Einesteils will ich hiermit, wie mit meinen längeren Arbeiten auch, bestimmte Dinge dem Publikum mitteilen und Wissen vermitteln. Andernteils, wie schon angesprochen, hoffe ich, dass vielleicht der eine oder andere Same, den ich selbst nicht weiter hegen und gießen kann, seinen Weg, ob direkt oder ob vermittelt durch ein Vögelchen, das ihn verspeist und weiterträgt, in eines Anderen Beet findet, wo er noch immer aufblühen oder gar zum Baume heranwachsen mag. Sodann will ich Beispiele der Vernunftkunst und der aufgeklärten Denkungsart und Lebenshaltung liefern und auch durch die Anschauung die Menschen nach und nach lehren, was Denken und was Aufklärung ist und sein kann. Auch darüber wäre ich froh, wenn die Heiterkeit und Lauterkeit, das Pathos der Distanz, die Nähe, der weite Blick, die vielfältige perspektivische Betrachtung, die unzeitgemäße Gesinnung und das Denken, Begreifen, selbst Gutheißen und Rechtfertigen jenseits von Gut und Böse noch der verkehrtesten oder läppischsten Dinge zu begeistern vermöchten und Verbreitung fänden und dieser Bereich meiner Seite ein kleines Gegengewicht sein könnte zum so häufigen Meinen und Krakeelen und Kreischen und Schnappen der Ressentiments und Befindlichkeiten und Berührungsängste, wie es heute die sozialen Medien, die Blogs und die Stammtische beherrscht. Doch abermals: Der möglichen Nutzanwendungen sind noch viele mehr und ich wäre froh, wenn diese meine Gedanken jedem sein könnten, was sie eben gerade ihm sein und geben können.

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